artgerecht zur „Elternschule“

Liebe Runde,

unsere aktuelle Position zur Elternschule:

Ich bekommen von euch viele, viele Anfragen, dass wir uns positionieren und auch Presse-Anfragen für Statements, wir sind in Kontakt mit dem AP-Film und mit Fachleuten. Dennoch ist es immer noch so: Wie ihr wisst, bin ich gerade viel unterwegs und komme nicht ins Kino. Dafür kann ich mit vielen Fachleuten sprechen, die den Film auch gesehen haben – davon will ich kurz berichten.

Gerade auf dem Fachtag von Weleda sprach ich nochmal mit meinen Freund und Kollegen Herbert Renz-Polster (und Frauke von Einfach Eltern und Regine Gresens) über seinen Post und den Film gesprochen. Am Ende kamen wir darauf: Es darf nicht darum gehen, nur diese Klinik zu verteufeln. Denn diese Klinik handelt im Grunde nach den Verhaltenstherapeutischen Empfehlungen „S1-Leitlinie 028-012 „Nichtorganische Schlafstörungen“ (danke für den Hinweis, Herbert):

Da steht :
„Verhaltenstherapeutische Verfahren:
o Bei jüngeren Kindern (< 5Jahre): Rhythmisierung des Schlafverhaltens, Extinktion von unerwünschtem
Verhalten wie Herausklettern aus dem Bett, Rufen nach den Eltern, Verlangen der elterlichen Anwesenheit zum Einschlafen, graduelle Extinktion (bei überfürsorglicher Erziehung zur adäquaten Trennungsbewältigung und Autonomieentwicklung sowie bei sehr ängstlichen Eltern)“

https://www.awmf.org/…/028-012l_S1_Nichtorganische_Schlafst…
Vielleicht muss es eher um solche Dinge hier gehen:
– die Leitlinien der Psychosomatik bei Kindern zu ändern (nicht alleine einschlafen ist keine Pathologie)
– die Handlungsempfehlungen an Ärzte zu verändern (total extinction, also alleine schreien lassen bis zum Einschlafen ist keine Option)
– das Bild von Eltern zu verändern (Eltern, die ihre Kinder nicht schreien lassen sind keine inkonsequenten, inkompetenten Eltern, sondern emphatisch!
– das Bild von Grenzen zu verändern (Ja, Kinder brauchen klare Informationen, was geht und was nicht, was die soziale Regel ist und was die Gruppe von ihnen erwartet)
– das Bild von Bindung zu stärken (Therapie-Ansätze, die bindungsorientiert arbeiten, sind zu bevorzugen – wenn sie noch gehen)
– das Bild von Kindern zu verändern (Kinder sind keine kleinen Prinzessinnen oder Tyrannen, sie reagieren auf das, was Erwachsene ihnen anbieten und brauchen unsere Hilfe, keinen Sarkasmus).

Und wir müssen den §1631 BGB endlich konsequent anwenden: Kinder haben ein Recht auf eine psychisch und physisch gewaltfreie Erziehung. Und Eltern brauchen Hilfe, wenn das warum auch immer nicht klappt.
Ich hab den Film noch nicht gesehen.

Was immer darin ist: Lasst uns etwas verändern. Für ein positives Menschenbild, für mehr Hilfen für Eltern – dafür lasst uns gehen. Dafür lasst uns nach vorne schauen.

#letsmakeadifference #babyfürbaby

2 Gedanken zu „artgerecht zur „Elternschule“

  1. Da wir vor 7 Jahren selber mit unsrere Tochter (damals 3 Jahre alt) in der Kinderklinik Gelsenkirchen Hilfe fanden, waren wir sehr schockiert zu erfahren, wie in der Öffentlichkeit über dieses Therapiekonzept “ hergezogen“ wird und dadurch praktisch bis zur Unkenntlichkeit verändert wird. Die Vorwürfe haben wahrhaftig nichts mit der Realität zu tun.

    Noch heute empfinden wir dem gesamten Team der KJ3 der Kinderklinik Gelsenkirchen gegenüber tiefste Dankbarkeit und wir profitieren noch heute von den Erziehungs- und Therapiekonzepten der liebevoll-konsequenten Erziehung, in die wir damals im Rahmen eines 3 wöchigen Aufenthaltes in Gelsenkirchen „eingeführt“ wurden.

    Gekommen waren wir damals mit unserer 3 jährigen Tochter, die ab Geburt nicht nur pausenlos schrie, sondern ab einem Alter von 3 Monaten eine schwerste Neurodermitis entwickelt hatte mit nässenden Stellen am ganzen Körper. Unser Kind hatte bis dahin nicht eine einzige Nacht durchgeschlafen und mein Mann und ich standen am Rande des Zusammenbruchs. Es war fürchterlich. Niemand konnte uns helfen.

    Dann kamen wir durch einen Tipp einer Bekannten nach Gelsenkirchen und zum ersten Mal nach unsrere langen Odysse hatten wir das Gefühl, dass hier Therapeuten sind, die unere Situation wirklich verstehen. Das Konzept in Gelsenkirchen ist ein ganzheitliches Therapiekonzept, das auf mehreren Säulen basiert. Der Erziehungsansatz orientiert sich insbesondere an den Leitideen der liebevoll-konsequenten Erziehung von Rudolf Dreikurs. Mit Nazimethoden hat dies weiss Gott nichts zu tun!

    Mein Mann und ich möchten dringend an Sie apellieren, sich nicht an dieser Hetzjagd gegen das Gelsenkirchener Konzept zu beteiligen! Meinem Mann und mir standen die Haare zu Berge, als wir hiervon hörten. Herr Dr. Langer und Herr Dr. Lion sind ausgezeichnete Mediziner bzw. Therapeuten, die sich mit sehr viel Herz, Engagement und Mut für einen Familienalltag einsetzen, der ein harmonisches Miteinander von Eltern und Kindern überhaupt erst möglich macht.

    Carolin Schlangenfeldt

    1. Liebe Frau Schlangenfeldt,

      danke für ihren Kommentar! Wir alle können nur das beurteilen, was die Klinik nach eigener Entscheidung auch den Film freigegeben hat. Wir müssen davon ausgehen, dass das die Arbeit ist, die die Klinik nach außen transportieren will – und auch das Menschenbild, dass sie propagiert. Dass sich einzelne Eltern dort wohlfühlen und ihnen geholfen hat, heißt noch lange nicht, dass die Arbeit der Klinik insgesamt positiv zu bewerten ist. Es gibt weder langfristige Untersuchungen der Wirksamkeit noch wissenschaftliche Begleitung. Insofern danke ich für ihren Beitrag und wir nehmen das hier gerne auf und freuen uns, dass es für sie geklappt hat. Da die Klinik aber entschieden hat, das nach außen zu geben und sich als „ein Muss für alle Eltern“ titulieren zu lassen, muss sie auch mit entsprechender Kritik leben. Ich sehe das weniger als Hetzjagd als als öffentliche Debatte um die Werte unserer Gesellschaft – etwas, das in einer Demokratie an der Tagesordnung sein dürfte. Herzlich, Nicola Schmidt

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