Entwicklungsphasen machen sich auch bei Windelfrei bemerkbar

Die Windelfrei-Erfahrungsberichte-Serie…

Hier kommt ein Bericht von Marlis:

Wie bist Du zu Windelfrei gekommen?
Ich habe mich vor und während der Schwangerschaft umfangreich mit Hilfe von Büchern und im Internet belesen und bin über Jean Liedloff und dem ‚Continuum Concept (CC)‘ zu ‚Attachment Parenting‘ und ‚artgerecht‘ gekommen. Und da fällt man dann ja praktisch über die Idee.

Wie alt war dein Kind, als Du mit Windelfrei angefangen hast?
Die ersten zarten Anfänge habe ich in der 4. Lebenswoche gemacht. Seit der 7. versuche ich, es konsequent durchzuziehen.

Wie viele Windeln hast Du vorher pro Tag verbraucht (Durchschnitt)?
Das weiß ich nicht mehr genau. Außerdem war ich damals noch blind bezüglich ‚wann hat mein Kind gemacht‘. Vom Krankenhaus bekommt man den Rhythmus antrainiert: Baby wacht auf, wickeln, wiegen, anlegen, wiegen, einschlafen lassen (womit alle Krankenhausbabies von unwissenden Mamis offensichtlich stundenlang in ihren eigenen Ausscheidungen liegen müssen). Das sind bei ca. alle 3-4 h trinken (Neugeborenes, das viel schläft) so etwa 6-8 Windeln. Dann habe ich mich an den Kurs erinnert und nach dem Stillen (nochmal) gewickelt. Müssen dann also mehr gewesen sein.

Wie viele Windeln verbrauchst Du derzeit und wie alt ist Dein Kind mittlerweile?
Mein Schatz ist jetzt 18 Wochen alt und momentan klappen die typischen Zeiten beziehungsweise unsere Kommunikation/meine Intuition sehr gut, so dass wir meistens komplett trocken durch die Nacht kommen (außer ich bin zu müde und reagiere zu langsam). Tagsüber kommt es drauf an, ob wir in Ruhe Zuhause sind oder unterwegs (was aber teilweise besser funktioniert, da es unterwegs länger anzuhalten scheint und stärker signalisiert) und ob ich mit was anderem beschäftigt bin und ob die Situation gerade gar nicht passt – wobei es schon erstaunlich oft trotzdem trocken war, auch wenn ich sicher war, ein ‚Ich muss mal‘ gezwungenermaßen ignoriert zu haben. Ich nutze momentan fast nur noch Stoffwindeln/ Stoffsysteme, die ich – kenne ja die Zeiten und komme halt meistens nur gerade so zu spät – nach jedem kleinen Pipi wechsel, was an ’schlechten Tagen‘ gut und gerne 10 Windeln und mehr sein können. An guten keine oder max. 2-3.
Eine ebenfalls gute Zeit war um die 8. Lebenswoche rum. Da habe ich eine ganze Nacht über bis in den Vormittag 1 Wegwerfwindel gehabt und später noch mal 1 oder 2 über Tag.
Um die 12. Woche rum hatten wir einige Wochen lang eine schlechte Phase und ich hatte fast aufgegeben. Ich hatte über Nacht häufig 2 und mehr voll gepullerte Wegwerfwindeln, etwa 2 über den Morgen und 1 am Nachmittag (aber nur, wenn ich nicht nach jedem kleinen Pipi gewechselt hab) und hatte auch häufiger mal Groß in der Windel, dann waren es natürlich mehr.

Nutzt Du auch andere Backups?

Nutze gelegentlich Wegwerfwindeln (Arztbesuch, Besuche, wo ich mich nicht ‚outen‘ will und vorher unklare Situationen außerhalb), ansonsten durchweg Stoffwindeln/Stoffeinlagen in verschiedenen Überhosen (bevorzugt Wollwindeln und Systemwindelüberhosen; habe aber auch eine ‚einfache Plasteüberhose‘)

Hattet/habt ihr Probleme mit Wundsein?

Manchmal eine Rötung direkt in der Posfalte, wenn es irgendwas in meinem Essen nicht verträgt (hat dann auch Pickelchen im Gesicht). Aber mit gründlicher Reinigung (nasser Waschlappen), gelegentlichen Muttermilchkuren und ab und zu Naturschurwollbäuschen (‚Heilwolle‘) ist es nie mehr als nur leicht rot geworden.

Welche Standardsituationen probierst Du aus?

nach dem Aufwachen: ja
beim Stillen: (ja)
Ich habe damals damit angefangen. Aber es hat dann gelernt, sich in der Regel vorm und nach dem Stillen zu erleichtern. Wenn das Baby nachts zu müde/hungrig ist und schreit beim Versuch, es aufs Töpfchen zu setzen, dann muss ich aber immer noch die Brustwarze in das Mäulchen halten, damit es sich beruhigt und das Pipi raus kommt. Sobald das erledigt ist, kommt ein Handtuch drunter und wir begeben uns in eine angenehmere Stillposition.
nach dem Stillen: ja
nach dem Spielen: Es gibt noch kein richtiges NACH dem Spielen, eher ein BEIM Spielen. Dabei sehe ich aber die Signale nicht und gehe nur nach Uhr.
Andere: Gebe Pipimöglichkeiten, bevor ich das Haus verlasse, bade oder es zum Beispiel ins Tuch nehme und jeweils danach, auch wenn kein (von mir als solches erkanntes) Signal gekommen ist.

Wann klappt es am besten?

Die Signale sehe ich eigentlich am besten beim Einschlafstillen bzw. Aufwachen (Herumwerfen des Köpfchens). Unruhe im Tragetuch ist auch meist Töpfchendrang.

Wie viele Minuten (circa) hast du Zeit, um dein Kind abzuhalten (wenn es z.B. gerade aufgewacht ist oder wenn es Zeichen gibt)?
Unterschiedlich. Zuhause im Tragetuch nur ganz kurz – ich sollte sofort Anzeichen machen, zum Töpfchen zu gehen und das Baby aus dem Tuch zu schälen. Bin ich draußen unterwegs, habe ich manchmal ‚Ewigkeiten‘ (10, 20, 30 ? min) Zeit, ein ruhiges Örtchen zu suchen.

Was benutzt ihr als Töpfchen, wenn ihr eines benutzt?

Bis zum Kauf des Asia Töpfchens (tagsüber und unterwegs) und dem Babybjörn Cleveres Töpfchen Innentopf mit abgeschliffenen seitlichen Kanten (nachts und tagsüber) habe ich eine einfache Haushalts-Plasteschüssel genommen.

Wie schätzt Du die Arbeitsbelastung ein: eher mehr Arbeit – eher weniger Arbeit – genauso viel Arbeit wie beim Wickeln?

Wenn man nichts über die Ausscheidung der Babies weiß, dann ist Abhalten im Vergleich bedeutend mehr Arbeit. Denn welche Wegwerfwindelmama interessiert sich schon dafür, dass ein (zumindest junges) Baby nach dem Stillen mehrmals mit mehreren Minuten Abstand pullert? Da wird ab und an gewechselt und gut.
Anders ist es mit Stoffwindeln: Wenn man versucht, nach jedem Pipi die Stoffwindel zu wechseln bzw. jedes Kacka aus der Stoffwindel auswaschen muss, ist das dann natürlich mehr Arbeit als einfach nur die Schüssel auszuspülen.
Auch die Babyreinigung ist beim Abhalten natürlich kürzer und weniger aufwändig, als das ganze Zeug aus jeder Falte wieder raus zu wischen und regelmäßig die bepullerte Haut zu waschen.
Ich bin allerdings sehr oft mit Aus- und wieder Einwickeln beschäftigt, also hier auch wieder etwas mehr Arbeit.

Hat sich in deiner Kindes-Wahrnehmung etwas verändert, seit ihr Windelfrei macht und was?

Da ich seit vielen Wochen Windelfrei mache, kann ich das jetzt so gar nicht sagen. Aber da ich jetzt einen Grund mehr kenne, weshalb ein Baby weinerlich ist (auf den außerdem sehr schnell geantwortet werden sollte), bin ich wahrscheinlich schneller beim Baby, wenn es mault, als andere Mütter. Wobei ich das im Sinne des Attachment Parenting jetzt nicht als schlecht ansehe.

Hast Du einen heißen Tipp für Windelfrei-Mütter in der gleichen Situation?
Man merkt die Entwicklungsphasen des Babies auch ganz deutlich beim Windelfrei. Da gibt es einfache Wochen, die super klappen. Und es gibt Wochen, da geht gar nichts. Da hilft nur, den Perfektionsdrang raus zu nehmen, einen Gang zurück zu schalten, das Baby erstmal normal zu wickeln (aber am besten Stoff und häufig wechseln) und nicht ständig über dem Baby zu hängen. Druck macht beide nur nervöser. Das Ganze ist Kommunikation – ein Angebot, eine Ergänzung, kein Dogma.
Und es lohnt, sich nochmals bei mehreren Stellen zu informieren (auch im englischsprachigen Bereich) und andere Windelfrei-Mütter um ihre Erfahrungen zu befragen.

Ein dickes Dankeschön auch an Dich!

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