Windelfrei in Vietnam

Über einen kleinen Windelfrei-Bericht aus Vietnam bin ich über schick gewickelt gestoßen:

… Viele von ihnen können noch nicht einmal sprechen, aber ihren Eltern schon Zeichen geben, wenn sie aufs Klo müssen. Anschließend tragen die Eltern sie vor die Tür, lassen sie ihr Geschäft verrichten, und fertig. …

Zwei Tage später erklärte ein anderer Bekannter seine Verwunderung über die vietnamesische Baby-Mode. Die besteht nämlich bei vielen Kindern, die man auf der Straße oder auf den Feldern so sieht, aus einem Kleidungsstück, das man „Hose mit Loch” beschreiben könnte. …

Zur Beruhigung aller deutschen Mütter darf hier also verkündet werden: Vietnamesische Kinder können nicht schon mit wenigen Wochen voraussagen, wann sie müssen. Aber sie sind mit Hilfe von alten vietnamesischen Großmutterweisheiten auf gewisse Rhythmen konditioniert worden, und geben vermutlich auch unbewusst Signale an die Mutter ab. …

Wäre es ist nicht klasse, wenn jeder eine Oma im Hintergrund hätte, die top(f)fit in Sachen Windelfrei wäre?!

Lies auch hier: Vietnam: Windelfrei-Bericht

5 Gedanken zu „Windelfrei in Vietnam

  1. Entschuldigung, aber der Duktus „… auf gewisse Rhythmen konditioniert worden, und geben vermutlich auch unbewusst Signale“ hört sich für mich eher gruslig nach Töpfchentraining a la DDR an, als nach Windelfrei. Mir stößt das so auf, weil ich das Konzept interessiert verfolge (u.a. auch hier auf dem Blog :-)), aber manchmal nicht weiß, wie sauber man das in der Argumentation von eben diesem Sauberkeitstraining trennen kann und trennt in der Argumentation. Ich sehe da nämlich manche ältliche Erzieherin weise den Kopf wiegen, die sich über die „alten Wickelkinder“ in Kitas aufregen und die dann vielleicht ganz froh sind, ihr Töpfchentrainigsprogramm Eltern als neues kindorientiertes Konzept unterjubeln zu können … Oder sehe ich das zu eng?

    1. Liebe Anna,

      erst einmal zum oben genannten Zitat… Über das „Konditionieren“ bin ich auch gestolpert (es erinnert ja schon an den Pawlowschen Hund!), aber ich habe dann diese Zeilen für mich folgendermaßen interpretiert: Die vietnamnesischen Großmütter haben das Wissen/die Erfahrung, wann Säuglinge für gewöhnlich müssen, und erkennen und kennen die Zeichen und Zeiten dafür. Darauf können nun die Mütter bauen und dementsprechend ihren Kindern das Abhalten anbieten. (Wir brauchen HIER eher den Austausch mit anderen Windelfrei-Müttern und müssen uns die Praxis selbst ohne familiäre Unterstützung erarbeiten.)
      Generell, denke ich, ist Windelfrei, wenn man es als Synonym für Elimination Communication nimmt, eine Wechselbeziehung zwischen der Bezugsperson und dem Baby. Das Baby gibt seine Zeichen und den Ausscheidungsrhythmus vor, wir reagieren darauf. Doch das Ganze ist im Fluss. Ändert das Baby seine Zeichen oder signalisiert es eine Zeit lang weniger, müssen wir uns anpassen. Genauso passt sich ein Baby an uns an, wenn wir falsch oder gar nicht auf seine Äußerungen reagieren. Dann signalisiert es eventuell eben weniger oder nicht mehr und trägt vielleicht bis ins spätere Kleinkindalter Windeln. Beide Partner lernen(/konditionieren sich). Vielleicht kann man es auch mit dem Stillen vergleichen. Beide Partner spielen sich aufeinander ein.

      Um jetzt den Bogen zum „Töpfchentraining der DDR“ zu spannen. Ich habe keine so rechte Ahnung, wie es in den Kinderkrippen ablief – ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie es mir persönlich erging. Ich kenne nur die Erzählungen meiner Eltern, wie sie es gehandhabt haben (siehe hier: http://windelfrei.blog.de/2012/09/27/rueckblick-ec-14876054/ ). Wie könnten wir Windelfrei von DIESEM Töpfchentraining differenzieren/abgrenzen?!

      Windelfrei basiert auf 4 Säulen (Laurie Boucke in TopfFit):
      – Signale und Zeichen des Babys
      – Muster in Ausscheidungszeiten des Babys
      – Intuition und Instinkt der Bezugsperson
      – Timing nach der Uhr

      Laurie schreibt zudem in TopfFit: „Strafen, Zorn und Kontrolle sind nicht Teil dieser Methode. Statt dessen müssen Eltern sich in Geduld und Sanftmut üben, die Signale ihres Babys beobachten und beantworten, wann immer es sinnvoll möglich ist, und ihr Baby mit intelligenter, achtsamer und liebevoller Behutsamkeit behandeln.“ (Seite 17)

      Andrea Olson definiert Elimination Communication so: „EC is a non-coercive, gentle way to potty an infant from birth, following a babyʼs natural awareness of her elimination and her instincts to keep herself, her caregivers, and her bed dry.“

      Die saubere Abgrenzung zum damaligen Töpfchentraining gelingt uns nur, wenn uns jemand neutral/vorurteilsfrei berichten kann, wie es ablief. Doch da gibt es bestimmt viele Schattierungen von Zwang und Kontrolle bis zum liebevoll, empathischen „Topfen“.

      Ich hoffe, Du konntest meinen Gedanken folgen. Waren sie hilfreich?

      Nächtliche Grüße,
      Christina

  2. @Anne: Das Konditionieren erfolgt sicherlich auf beiden Seiten. Wenn man sich den ganzen Artikel durchliest, wird ja deutlich, dass beide Seiten lernen. Wenn Eltern wissen, wann ihre Kinder mal müssen, dann können sie rechtzeitig abhalten. Die Kinder lernen wiederum, dass ihre Eltern sie zu bestimmten Zeiten abhalten und halten bis dahin aus.

    Am Anfang muss man voneinander lernen, die Signale zu verstehen. Ich halte dann z.B. zu bestimmten Zeiten ab, wenn ich denke, dass die Wahrscheinlichkeit am größten ist, dass es Erfolg hat oder dann, wenn ich ein Signal vermute. Das Kind lernt dabei, dass es eben genau dann auch problemlos funktioniert und nichts unangenehm nass ist oder nicht so schwierig ist, wie z.B. sitzend im Tuch. Wenn es klappt, gibt man dem Kind auch ein Signal. So gewöhnen sich beide Seiten an feste Zeiten und gegenseitig verständliche Signale.

    Die Grenze zum Töpfchentraining zu ziehen, ist eigentlich ganz einfach: Bei Windelfrei achtet man auf Signale und setzt das Kind dann auf den Topf, wenn es das Zeichen dazu gibt bzw. man es vermutet. Ohne Erwartungsdruck. Passiert nichts, dann ist das nicht schlimm und man hält das Kind nicht länger als nötig.
    Beim Töpfchentraining dagegen sitzen die Kinder zu bestimmten Zeiten auf dem Topf, obwohl sie vielleicht gar nicht müssen – Signale werden da nicht beachtet. Und es wird dann so lange gewartet, bis der Topf am Po klebt und wirklich was drin ist, um dann kräftig loben zu können (Pullern funktioniert also in Erwartung eines Lobes?). Es entsteht also ein gewisser Zwang.

    Wenn hier im Artikel von Rhythmen und konditionieren die Rede ist, dann verstehe ich das eher als Lernprozess und nicht als Zwang.

  3. Liebe Kati, liebe Christina,

    danke für die ausführlichen Anmerkungen. Ich glaube, ich verstehe, was ihr meint, mir geht es auch eher um die Argumentation, wenn jemand beides in einen Topf (hihi) werfen möchte. Ich denke, wie Kati das Töpfchentraining beschreibt, so war es auch vielerorts: die Kinder saßen in diesen Töpfchenbänken immer wieder zu festen Zeiten eine gewisse Zeit lang und irgendwann war dann halt auch was im Topf und wieder irgendwann war das Kind darauf konditioniert, zu diesen Zeiten auch zu „müssen“. Das hat aber m.M. nach wenig mit der Idee des windelfrei zu tun, denn ich denke, diese Kinder haben genau wie Wickelkinder verlernt, selbst die Signale zu erkennen und zu geben, wenn sie mal müssen (sie waren ja in der Krippe schon so um eine dreiviertel Jahr alt und vorher gewickelt).Deswegen reagiere ich vielleicht ein bisschen allergisch, wenn man da Parallelen ziehen möchte. Und das Wort „konditioniert“ war, im Gegensatz zu „Rhythmen“ für mich schon ein recht klarer Anzeiger dafür (im Zusammenhang mit der bloßen „Vermutung“ dass das Kind auch Signale geben würde), dass es hier eher um Töpfchentraining denn um windelfrei geht.

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