Ratgeber? Nö: Mutmacher.

Anfangs dachte ich, ein Buch zu schreiben, dass sei so wie mit der Diplomarbeit: Ich denke mir eine möglichst originelle These aus, wühle mich durch die passende Literatur und schreibe einen artigen, schön belegten Überblick. Basta. Jetzt zeigt sich: Klar, die Literaturwühlerei ist wieder dabei – aber es ist gleichzeitig etwas ganz anderes.

Denn mein derzeitiger Stand nach all den Studien und Fakten ist: Die Einzigen, die exakt wissen, was ein spezifisches Baby gerade braucht, sind seine Eltern. Sie brauchen für diese Entscheidungen zwar Informationen und damit die Studien und die Fakten. Aber sie brauchen auch noch etwas anderes: Vertrauen.

Vertrauen in sich selbst,
Vertrauen in ihre Instinkte,
Vertrauen in ihr Baby.

Rat-Schläge gibt’s genug

„Natürliche Säuglingspflege“, „Natural Parenting“, „Bio-Baby“, egal welches Label man draufkleben will, es läuft nicht darauf hinaus, den Eltern zu sagen dies sei richtig und dies sei falsch. Es gibt ausreichend viele Ratgeber auf dem Markt, die meinen, sie hätten den Stein der Babyweisen gefunden.

„Babies dürfen auf keinen Fall ins Elternbett!!“
„Quatsch, es muß bei euch schlafen bis mindestens zur Einschulung!!“

Beides ist gleichermaßen unproduktiv. Egal, was die wissenschaftliche Literatur dazu sagt, im Alltag ist mit solchen Dogmen niemandem geholfen (außerdem sagt die Wissenschaft gerne auch mal beides – um die Konfusion komplett zu machen).

„Natürliche Säuglingspflege“ ist dementsprechend auch nicht ein Satz Regeln oder eine Standardbehandlung, die ein glückliches Kind erzeugt. Es ist mehr eine bestimmte Art, an die Sache heranzugehen.

Vertrauen spielt dabei eine ganz wichtige Rolle. Vertrauen in das eigene Bauchgefühl, das uns instinktiv sagt, dass ein weinendes Baby sofort Beachtung braucht. Vertrauen in die Weisheit des Babies, das weiß, wieviel es gehalten, getragen und gestillt werden muss und uns dies mitteilt.

Keine Regeln, keine Schuldgefühle, kein Perfektionismus

Es soll in meinem Buch also nicht um „Regeln“ für richtiges Elternverhalten gehen. Eltern brauchen nicht noch mehr „Du musst“-Informationen, Schuldgefühle, unerreichbare Standards. Eltern brauchen die Unterstützung und das Vertrauen: Ihr könnt das. Ihr könnt für eure Familie den Weg finden, der für euch richtig ist. Alles was ihr dazu zusätzlich braucht, ist Information.

Wissen, fühlen, entscheiden

Als ich schwanger war, kreisten meine Gedanken vor allem um zwei Fragen: Welches Zimmer wird das Kinderzimmer und welchen Kinderwagen kaufen wir? Ich hätte nicht im Traum gedacht, das ich beides im ersten Jahr nicht brauchen würde. Ich merkte nur bald, dass es sich irgendwie komisch anfühlte. Aber warum nur? Was mir fehlte, war Information. Mir fehlte die Information, dass Alleinschlafen und Kinderwagen zwei sehr neue Experimente in der Menschheitsgeschichte sind, gegen die mein Instinkt…nun ja: instinktiv rebellierte. Als ich das nach vielen Stunden im Internet und mit der Nase in diversen Büchern herausgefunden hatte, fühlte ich mich gleich besser. Und ich konnte eine informierte Entscheidung treffen, die für uns hieß: Tragen, Stillen, Familienbett. Es passte zu meinem Gefühl, es passte zu uns und als mein Sohn auf der Welt war, zeigte sich, dass es auch zu ihm passte.

Ich habe gleichzeitig überhaupt kein Problem damit, wenn sich Freundinnen anders entscheiden. Solange es eine informierte, bewußte Entscheidung ist, finde ich es genauso legitim, ein Kind, das sich ohne zu weinen ablegen lässt, in einen Kinderwagen zu legen. Es gibt auch Mütter und Väter, die einfach Schwierigkeiten haben mit der die Nähe, die so ein Säugling einfordert. Und dann ist es gut, einen Weg zu finden, der für diese Familie passt, einen Weg, der sie zusammenwachsen lässt ohne Zwang auszuüben.

Authentische, informierte Entscheidungen

Gleichzeitig ist es wichtig, dass diese Entscheidungen gleichermaßen authentisch und gut überlegt sind. Es muss eine Entscheidung sein, die passt, die sich gut anfühlt, die aber auch neu überdacht wird, wenn sie sich nicht mehr gut anfühlt. Und jede Entscheidung sollte informiert erfolgen. Statt „Wenn Du den ständig trägst, wird der nie laufen“ eben „Säuglinge sind Traglinge“ – manchmal reicht schon in Blick in Wikipedia für ein paar spannende, häufig gut recherchierte Informationen.

Und so soll mein Buch sein: Kurz und knapp, informativ, undogmatisch.

Eine Grundlage, auf der jede Familie entscheiden kann, was für sie wichtig ist und was zu ihr passt. Kurz und knapp deshalb, weil man ja doch immer wenig Zeit hat und weil es die meisten Informationen in ausführlicher Form aus viel berufeneren Mündern gibt. Informativ, weil ich denke, dass einfach viel zu viel Desinformation kursiert. Und undogmatisch – nun ja, siehe oben.

Das war jetzt zwar nicht kurz und knapp, aber das musste mal gebloggt werden.

5 Gedanken zu „Ratgeber? Nö: Mutmacher.

  1. … wir bräuchten kein gutes Buch übers Elternsein, wenn unsere Mütter und Großmütter nicht versuchen würden unsere sowieso schon mageren Instinkte im Keim zu ersticken…

    Warum lebt uns kaum einer vor, instinktiv mit unseren Kindern umzugehen?

  2. Weil es doch kaum einer noch kennt!
    Wie viele Generationen leben denn mittlerweile schon mit Kinderwagen, Gläschenbrei und (Wegwerf-)Windeln? 2, 3 oder sind es mittlerweile schon 4 bis 6?
    Es liegt nun an uns, unsere Erfahrungen und unser Wissen „weiterzugeben“
    und somit die Welt zu einem Besseren zu verändern.

    LG Michi

  3. „Telling mothers and fathers how to bring up their children in books is arguably as silly as sending false teeth through the post and hoping they fit.“
    (Hardyment C. 1983. Dream babies: child care from Locke to Spock. London: Jonathan Cape. p 15.)

    … also keine Anleitung bitte! 😉 Wie man hier in Deinem Blog so liest, machst Du das schon richtig.

    Sag mal, liebe Nicola, wie bist Du denn darauf gekommen ein Buch zu schreiben?

    Liebe Grüße, Christina

    P.S.: Ich bin selber immer wieder auf der Suche nach Quellen, die mich im Umgang mit meiner Tochter bestätigen. Muss mich leider immer wieder rechtfertigen, warum Stillen nach Bedarf, BEIkost statt BREIkost, Tragen und Familienbett. Mit „Windelfrei“ sind wir uns zum Glück in der Familie einig…

    1. Hallo Christina,

      danke für das tolle Zitat, ich werde es mir trotz allem hinter die Ohren schreiben!

      Die Idee zum Buch hast du in deinem Kommentar schon selbst genannt: Man muss sich immer wieder rechtfertigen, weil in den gängigen Büchern nie drinsteht, wie man es auch anders machen kann. Es gibt für alles rund um Attachment Parenting zwar einzelne Ratgeber (Topffit, Sleeping with your Baby etc.), aber kein schönes Buch, dass das gesamte Wissen kurz und knapp, praxisnah und mit entsprechenden Belegen im Anhang zusammenfasst. Und nach viel Sucherei dachte ich mir irgendwann, gut, dann schreib ich halt selbst eines.

      Und das mache ich jetzt :).

      Lieber Gruß,

      nica

  4. Moooment mal. Jawoll gibt es das. *g*
    Ich dachte damals nämlich auch, es gibt keins. :-DDD

    Ich freue mich aber sehr darauf, dein Werk dann zu lesen. Ich finde, dass es davon nicht genug geben kann. Von den „anderen“ gibt es ja auch geschätzte fünf Millionen.

    Mach weiter so!
    Liebe Grüße
    Julia

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