Weinen lassen?

Immer wieder hört man, man solle Kinder doch weinen lassen. Eine Freundin fragte mich, was es zu dem Thema an Studien gibt. Ich hab das mal zusammengetragen – und freue mich, wenn jemand noch andere Studien kennt, Kritik oder Nachfragen äußern möchte!

Babys, deren Eltern sofort auf das Schreien ihres Kindes reagieren, sind insgesamt friedlicher. Das ist ein Ergebnis der Freiburger Säuglingsstudie unter Leitung von Dr. Joachim Bensel von der Forschungsgruppe Verhaltensbiologie des Menschen in Kandern.

103 Mütter berichteten für die Studie in mehreren Protokollen über das Verhalten ihres Kindes in den ersten drei Lebensmonaten. Wie das Apothekenmagazin „Baby und Familie“ berichtet, kam heraus, dass Babys, deren Mütter spät oder gar nicht auf Schreien reagierten, wesentlich unruhiger waren und im Durchschnitt eine halbe Stunde länger pro Tag weinten. Den Ratschlag vermeintlich Erfahrener, Säuglinge ruhig einmal brüllen zu lassen, sollten Eltern deshalb besser ignorieren. (Ergebnisse in: Frühe Säuglingsunruhe: Einfluss westlicher Betreuungspraktiken und Effekte auf Aktivitätsmuster und biologischen Rhythmus, VWB-Verlag; Auflage: 1 (2003))

Insgesamt konnte bis zu einem Drittel der Schreivarianz durch kulturabhängige Betreuungsfaktoren erklärt werden (insbesondere verschiedene Aspekte des Stillens), was die Hypothese bestätigt, dass moderne Betreuungspraktiken z. T. deutlich entfernt vom evolutionsbiologischen Modell sind und einen Beitrag dazu leisten, das Schreien in seiner Dauer zu steigern.

Aus: Bensel, J. (2002). Steinzeitbabys im Atomzeitalter ? Auswirkungen der fehlenden Passung zwischen biologischen Bedürfnissen und neokulturellen Umwelten. In K. W. Alt, A. Kemkes?Grottenthaler (Hrsg.), Kinderwelten. Anthropologie ? Geschichte ? Kulturenvergleich (S. 25?40). Köln: Böhlau.

Infant Crying and Sleeping

Westliche Eltern bekommen widersprüchliche Ratschläge, ob sie ihrem Kind einen Rhythmus anerziehen sollen oder seinen Wünschen folgen. Versuche, diese Frage in zufälligen, kontrollierten Studien zu klären, waren unerfolgreich. Die vergleichende Studie der Thomas Coram Research Unit, Institute of Education, University of London, London, United Kingdom und des
Department of Psychology, University of Copenhagen, Copenhagen, Denmark hat zwei Gruppen verglichen und die Betreuungsmethoden in Bezug gesetzt zu Weinen und Schlafen: Eine rhythmus-orientierte Gruppe (London), die ihre Kinder oft ablegte, früher abstillte und weniger Körperkontakt hatte und eine Gruppe, die ihre Kinder mehr als 80% des Tages trug, stillte und sofort auf Weinen reagierte (Kopenhagen). Ergebnis: Konventionelle Pflege und Pflege nach Bedarf haben unterschiedliche Vorteile und Nachteile. Insgesamt zeigt sich jedoch, dass der Rhythmus-Ansatz zu häufiger und länger weinenden Babies führt. Die Wissenschaftler empfehlen, britischen Eltern einen neuen Betreuungsansatz nahezubringen. http://pediatrics.aappublications.org/cgi/content/abstract/117/6/e1146

Weinen ist nicht gesund

Völlig irrig ist die Meinung, Weinen wäre für den Säugling gesund: Es sei ein „Verdauungsspaziergang“, oder es stärke seine Lunge . Manche Betreuer geben weinenden Säuglingen darum keine Anwesenheitszeichen, weil sie fürchten, sie zu verwöhnen und daraufhin von ihnen tyrannisiert zu werden. Diese Vorstellung wäre nur dann begründet und richtig, wenn Säuglinge schon Einsicht in räumliche Verhältnisse („Mutter im Nebenzimmer“) hätten, was aber, wie eben gezeigt, nicht der Fall ist. Das Weinen ist ein Hilferuf an die Mutter aus einer vermeintlichen Notlage heraus. Wenn eine Mutter den Säugling durch ihre liebevolle Betreuung zufriedenstellt, so ist das kein Sich-Tyrannisieren-Lassen, sondern das Erfüllen einer notwendigen Betreuungsaufgabe. Überdies: Kinder, die zu Beginn ihres Lebens ausgiebig betreut wurden, werden später schneller selbstständig und unabhängig von der elterlichen Fürsorge, sie werden weniger leicht zu sich anklammernden Problemkindern. (Prof. Dr. Bernhard Hassenstein
Institut für Biologie der Universität Freiburg, Text aus Abschnitt VIII A 4, S. 522, Hassenstein, Prof. Dr. Bernhard, Verhaltensbiologie des Kindes, Edition Wötzel, Frankfurt/Main, überarbeitete Neuauflage 1998).

7 Gedanken zu „Weinen lassen?

  1. Vielen Dank für die Sammlung! Langsam wird auch in den westlichen Ländern bekannt, was Ureinwohner und Stammesgesellschaften nie verlernt/vergessen haben.

    Für eine Studie reiste in den 80ern eine Forscherin mit Tonband zu den noch matriarchal lebenden Trobriandern, um unterschiedliches Weinen der Babies zu vergleichen. Sie kam mit leeren Bändern zurück. Die Kinder weinen nicht, weil ihre Bedürfnisse sofort befriedigt werden. Baby-Signale sind allen in der Gemeinschaft bekannt, nicht nur den Müttern.

  2. Ich bin für nicht weinen lassen, denn ein Säugling der weint, dem fehlt etwas und braucht HILFE.
    Je kleiner, jünger, hilfbedürftiger ein Wesen ist, je mehr sollten wir auf diese Bedürfnisse eingehen und selbst auch zurück stecken. Mit zunehmenden Alter und Fähigkeiten, sollten wir die Kinder auch gemäß ihres Alters und ihren Fähigkeiten fordern.
    Wenn es uns schlecht geht und wir beispielsweise im Krankenhaus liegen, sind wir da nicht auch froh, wenn uns geholfen wird, manchmal sogar bei kleinen Dingen wie Essen, Waschen, Anziehen….?

  3. Es ist für alle unangenehm, kinder schreien/weinen zu hören. (Wenn das kein Impuls ist, auf das rufende -denn es ist garantiert ein Hilferuf- Kinde zuzugehen, dann muss ich verrückt sein.)

  4. wie in allen oben stehenden kommentaren schon erkenntlich wird, ist es sinnvoll, das schreien eines klein(st)kindes als eine notlage zu interpretieren, der (zunächst)keine taktische absicht zu grunde liegt.
    sollten diese -der notlage zugrunde liegenden- bedürfnisse nicht befriedigt werden, wird die nichterfüllung des jeweiligen themenbereich im gehirn, welches erst vernetzungen herstellt, als nicht befriedigt verbucht. ist der klein(st)mensch wieder in einer ähnlichen situation (wie die, die zum weinen geführt hat) so wird er automatisch sich nicht den tatsächlichen bedürfnissen entsprechend verhalten , da die verknüpfung mit `da muss ich drum kämpfen, davon gabs zuwenig…` vorhanden ist und das tatsächliche, aktuelle bedürfnis nicht unverfälscht ist. immer auch an die erfahrung geknüpft, es gibt wieder den entzug … von außen… die kleinen wissen am besten was für sie gut ist. und jede mama darf sich zutrauen, zu verstehen, fühlen, was für das kleine gerade wichtig ist

  5. wie in allen oben stehenden kommentaren schon erkenntlich wird, ist es sinnvoll, das schreien eines klein(st)kindes als eine notlage zu interpretieren, der (zunächst)keine taktische absicht zu grunde liegt.
    sollten diese -der notlage zugrunde liegenden- bedürfnisse nicht befriedigt werden, wird die nichterfüllung des jeweiligen themenbereich im gehirn, welches erst vernetzungen herstellt, als nicht befriedigt verbucht. ist der klein(st)mensch wieder in einer ähnlichen situation (wie die, die zum weinen geführt hat) so wird er automatisch sich nicht den tatsächlichen bedürfnissen entsprechend verhalten , da die verknüpfung mit `da muss ich drum kämpfen, davon gabs zuwenig…` vorhanden ist und das tatsächliche, aktuelle bedürfnis nicht unverfälscht ist. immer auch an die erfahrung geknüpft, es gibt wieder den entzug … von außen… die kleinen wissen am besten was für sie gut ist. und jede mama darf sich zutrauen, zu verstehen, fühlen, was für das kleine gerade wichtig ist

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