Off Topic: Anwältin mit nacktem Kind durch München

Seit Tagen geht es durch Zeitungen und Fernsehen: Eine Juristin fährt ihre Tochter nackt auf dem Fahrrad spazieren. Die Berichte beziehen sich auf die Polizeimitteilung, in den Foren wird wild darüber diskutiert. Ich hab die Mutter kontaktiert und mit ihr darüber gesprochen, wie es dazu kam, was sie mit „Persönlichkeitsrechten“ meint und ob das Kind mittlerweile wieder Kleidung trägt.

123-Windelfrei.de: „Mit nackter Tochter unterwegs“ – so liest es sich in den Zeitungen von Welt, Merkur bis Spiegel Online und Bild. Fakt ist, dass ihre Tochter komplett nackt im Fahrradsitz saß und sie durch die Stadt fuhren. Wie kam es dazu?

Die Kleine wollte sich schon seit zwei oder drei Tagen nicht anziehen lassen. Es war ihr total wichtig, nackt zu sein, schon ein Unterhemd oder kleine Unterhose waren zuviel. An besagtem Tag war ich mittags verabredet. Ich habe aufs Thermometer geschaut und es zeigte ca. 16 Grad. Da dachte ich: ich nehme Kleidung mit, und versuche sie unterwegs anzuziehen, denn da ist sie abgelenkt. Also sind wir losgefahren.
 
123-Windelfrei.de: Und wie war es dann draußen?

Sie saß fröhlich in ihrem Fahrradsitz und hat gesungen. An jeder Ampel habe ich gecheckt, ob sie kalt ist, ich musste ja nur nach hinten reichen mit der Hand. Aber Hände und Füße waren warm. Und dann hat mich ein Polizeiwagen mit Blaulicht angehalten.

123-Windelfrei.de: Was heißt denn das konkret, sie wollte sich nicht anziehen lassen?

Zuhause gab ich ihr zu verstehen, dass wir jetzt gleich losgehen und habe mich fertig gemacht. Dann habe ich ihre Kleidung herausgeholt – sie wollte schon seit ein paar Tagen auch zu Hause nur noch ohne Kleidung sein – aber als ich mich ihr mit der Kleidung näherte, fing sie an zu kreischen, wedelte mit der kleinen Hand und versuchte, mich wegzudrücken. Es war total schlimm für sie, wenn ich ihr etwas über den Kopf ziehen wollte, sie hat geschrieen und sich gewehrt. Und sobald ich das T-Shirt oder die Jacke wegnahm, war die Welt wieder in Ordnung.

123-Windelfrei.de: Wie können Sie sich das erklären?

 
Ich habe gehört, dass das viele kleine Kinder haben, sie wollen nackt sein. Manchmal stört das Anziehen weniger und manchmal ist nackt sein total wichtig. Ich glaube schon, dass es dafür auch immer einen Grund gibt: Manchmal juckt ein Schild oder sie mögen keine Wollsachen oder es ist schlicht zu warm für sie. Jeder Mensch fühlt anders. Oder sie sind in der Wohnung und können sich nicht vorstellen, dass es draußen kühler ist. Oft ist es ja so: Man packt etwas ein und dann zieht das Kind draußen die Jacke auch ohne Protest an.
 
123-Windelfrei.de: Hat sie das immer noch oder hat es sich wieder gelegt?
 
Es hat sich wieder gelegt, es ist aber auch kälter geworden, jetzt stört es sie gar nicht.

123-Windelfrei.de: Sie haben dem Polizisten gesagt, es ginge um die “Persönlichkeitsrechte des Kindes”. Was genau meinten Sie damit?

Es ist doch ein absolutes Grundrecht, über den eigenen Körper zu bestimmen. Dass respektiert wird, wenn ein Kind einen roten Rock anziehen möchte – oder eben den Wind auf der Haut spüren will. Ich sprach von Persönlichkeitsrechten, weil das allen zusteht, das hat nichts mit Geschäftsfähigkeit zu tun. Jeder Mensch hat Persönlichkeitsrechte, und Kinder sind auch Menschen. Wenn ich ein Kind festhalte und in die Kleidung hineinzwinge, dann ist das in meinen Augen Körperverletzung: Vielleicht gibt es keine blauen Flecke oder Kratzer, aber einen psychischen Schaden. Psychologen nennen das “einen Affekt schaffen”. Ich als Mutter bin die wichtigste Bezugsperson, dem das Kind vertrauen können soll.

123-Windelfrei.de: Sie als wichtigste Bezugsperson waren genau deshalb in der Kritik: Sie setzen das Kind der Kälte aus – was für eine Rabenmutter!

 
Das kann man doch prüfen, ob das Kind friert. Sie hatte keine Gänsehaut, keine blauen Lippen, keine kalten Füße.
 
123-Windelfrei.de: Im Polizeibericht standen aber blaue Lippen.
 
Ja, der Polizist sprach von „Ansätzen blauer Lippen“, aber ich fragte ihn wo denn? Denn ich sah nichts. Sie hatte keine Gänsehaut, sie hatte warme Hände und Füße, und wenn sie gebibbert hätte, hätte ich sie sicher einfach anziehen können. Ich empfand es auch als kalt oder zu kalt um nackt zu sein, sie aber offensichtlich nicht. Lassen Sie mich das noch einmal klarstellen: Ich hab sie nicht der Kälte ausgesetzt, indem ich gesagt habe, draußen ist es kalt, aber du kriegst keine Kleidung. Ich wollte sie ständig anziehen, aber sie wollte es einfach nicht.
 
123-Windelfrei.de: Dies provoziert natürlich die Frage, die auch in vielen Foren auftauchte: Tanzt das Kind ihnen auf der Nase herum?
 

Das ist so die Dauerangst, die man ständig hat, die Kleinen könnten Macht über einen haben. Wir Eltern sind den ganzen Tag damit beschäftigt, sie zu manipulieren, damit sie uns nicht manipulieren. Ist das nicht komisch?
Aus der Hirnforschung wissen wir, dass sie in dem Alter noch gar nicht manipulieren können. Diese Gehirnfunktion besteht noch gar nicht. Die Kleine ist noch nicht anderthalb und sie ist das kooperativste Kind, das ich kenne, wenn ihr im Supermarkt etwas herunterfällt, hebt sie es sofort auf, wenn sie etwas verschüttet, wischt sie es sofort weg. Nein, ich habe keine Angst, dass ein so kleines Kind mir auf der Nase herumtanzen kann. Wenn ich fair zu ihr bin, ist sie das auch zu mir. Kinder ahmen nach.
 
123-Windelfrei.de: Wie bewerten Sie die Reaktion der Öffentlichkeit auf den Vorfall?

Ich finde es gut, dass die Polizei mich angehalten hat, dass die Öffentlichkeit hinschaut und nicht wegschaut. Es gab soviel Misshandlungsfälle in letzter Zeit… Was die Kommentare angeht: Es ist ein einfacher Sachverhalt: Baby nackt, darf es das oder nicht. Da kann jeder drüber urteilen.

Man muss aber genauer hinschauen. Ob ein Kind nackt oder angezogen ist, sagt nichts darüber aus, wie es sich wirklich fühlt. Es ist wichtig, ob das Kind einen guten Eindruck macht, wenn es vor sich hin brabbelt und singt, dann kann ein nacktes Kind ein sehr glückliches Kind sein.

Schauen wir doch mal auf die Straße: Es gibt eine Menge angezogene Kinder, die im Kinderwagen liegen und schreien, schreien, schreien und keiner tut etwas – da würde ich mir wünschen, dass man den Eltern Mut macht und ihnen sagt: Hey, nehmt euer Kleines in den Arm, es ist gerade sehr unglücklich.

123-Windelfrei.de: Vielen Dank für das Gespräch!

14 Gedanken zu „Off Topic: Anwältin mit nacktem Kind durch München

  1. Danke für dieses Interview. Ich finde es genau nachgefragt und schubladenlos geantwortet.
    Ich habe den Eindruck, dass der Raum, in dem man sich unbehelligt bewegen kann, enger wird – schmutzige Kleidung, ungewöhnliche Kleidungskombinationen, nur mit Windel unterwegs oder ganz nackt, das alles passt nicht in den schmaler werdenden Grat der ‚Schicklichkeit‘ einer wohlhabenden Gesellschaft.

    Ich finde es schön, wenn der Mut dazu da ist, genauer hinzusehen: Gibt es vielleicht Situationen, in denen mein pauschales Urteil von außen nicht passt? Sätze, die ‚das macht man/macht man nicht‘ enthalten, flutschen so gerne.
    Wovor haben wir Angst?

    Ich plädiere für Mut zur Eigenverantwortung statt die Verantwortung auf ‚man-‚Sätze und Pauschalängste zu (ver-)schieben. Unser Leben (und das unserer Kinder) ist zu bunt dafür.

  2. Hallo,
    ich wollte auch mal zwei kleine Frage stellen. Nur der Vollständigkeit halber.
    Hatte das Kind am nächsten Tag dann Schnupfen (oder sonst etwas)?
    Wenn ihm wirklich kalt ist, äußert es sich dann (ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass ein Kind in dem Alter sich nicht äußert)?

    Vielen Dank
    1000Sunny

    1. Hallo Sunny1000,

      ich hab die Fragen weitergeleitet und darf Dir hier die Antwort i.A. reinkopieren:

      Hallo 1000Sunny,

      die Kleine war und ist gesund! Sie hatte keinen Infekt.

      Selbstverständlich äußern sich Kinder (und auch Babies), wenn ihnen kalt ist. Erstens ist die Regelung der Körpertemperatur eines der ersten Hirnfunktionen, die ausgebildet wird und zweitens, ist Voraussetzung, dass man als Bindungsperson feinfühlig genug ist, um Äußerungen des Kindes entsprechend zu interpretieren. Wenn man Kinder nicht gegen ihren Willen dick einpackt, sind sie von Natur aus so eigenverantwortlich, dass sie Hitze und Kälte erkennen/ spüren UND kommunizieren. Ignoriert man ihre eigenes Körpergefühl, ignorieren sie es dann auch (bald).

      Es gibt sogar Fälle, dass Frühchen geschrien haben, weil ihnen die „Norm“-Temperatur des Brutkastens zu warm war.

      Viele Grüße

      —-

  3. Es beruhigt mich sehr, dass es noch Leute gibt, die es nicht normal finden, wenn eine Mutter bei herbstlichen Temperaturen mit einem nackten Kind durch München fährt. Eltern haben Verantwortung für ein Kind und das heißt auch, dass sie sich öfter über den Willen des Kindes hinweg setzen müssen, weil das Kind nicht in der Lage ist, die Situation einzuschätzen. Es ist von keinem Kind zu viel verlangt, dass es angezogen auf dem Fahrrad fährt. Kleider haben immerhin auch eine Schutzfunktion, nicht nur gegen Kälte, sondern auch bei einem Unfall, Sturz etc.
    Da kann man noch so viel darüber diskutieren, ob es gegen den Willen des Kindes war, sich anzuziehen. Man fährt nicht mit einem nackten Kind auf dem Fahrrad durch eine Großstadt und ich hoffe, das erklärt ihr jetzt das Jugendamt noch einmal ausführlich. Man wird in keiner Erziehung drum herum kommen, Grenzen zu setzen. Denn irgendwann ist das Kindeswohl gefährdet.

    1. Also für mich steht das Kindeswohl im Vordergrund, wenn es nicht dem Wohl der Mutter entgegensteht.

      In diesem Fall ist offensichtlich, dass es für das Kind am besten war, nackt zu sein. Diesem einfachen Wunsch nachzukommen war für die Mutter auch relativ einfach.

      Viele Mütter hätten das Kind mit Zwang und Gewalt angezogen. Sowohl Mutter als auch Kind wären dann in gestresstem Zustand auf dem Fahrrad gesessen und das Kind hätte vermutlich noch längere Zeit geschrien. Psychologisch ist das ganz schlecht! Und dabei (bei der Anziehen/Ausziehen-Frage) wäre es auch nicht geblieben!

      Diese Mutter hat also vorbildlich und sowohl im Interesse des Kindes, als auch ihrem eigenen gehandelt. Die Polizei, die Presse und andere Menschen sollten sich lieber um offensichtlich unglückliche, schreiende Kinder kümmern.

      Ich finde es jedenfalls klasse, dass es Frauen wie diese Mutter gibt, denn ich begegne ihnen leider viel zu selten …

  4. Wenn eine Juristin ihr Handeln mit dem Persönlichkeitsrecht ihres Kindes begründet sagt mir dies, dass sie vom bei uns geltenden Recht wenig Ahnung hat. Das Persönlichkeitsrecht eines Kleinkindes hört da auf, wo das Kindeswohl gefährdet ist. Ein Kleinkind ist nicht in der Lage, zu entscheiden, was für für ihn förderlich oder schädlich ist. Schon allein wegen der möglichen Verletzungsgefahr bei einem möglichen Sturz mit dem Rad ist schützende (komplette) Bekleidung des mitfahrenden Kindes, möglichst auch mit Schutzhelm, erforderlich. Wer so handelt, wie diese Mutter, handelt verantwortungslos.

    Sylvia Peters
    Dipl.-Sozialpädagogin
    u. Familientherapeutin

    1. demnach müßte man im sommer reihenweise eltern anzeigen. denn da fährt kaum ein kind in langen dicken hosen und entsprechender langärmliger dicker oberbekleidung. ne kurze hose und ein t-shirt schützt ein kind nicht besser als nackig fahren. selbst lange aber dünne kleidung bietet kaum einen schutz.

      ob es friert oder nicht, kann auch ein baby/kleinkind mitteilen.

  5. dazu fällt mir ein dass meine tochter auch sehr gern nackt herumgelaufen ist und ständig alle puppen ausgezogen hat
    mein sohn war lieber angezogen und hatte häufiger erkältungen als seine schwester in dem alter

  6. Meine Kinder sind ganz genauso. Wir Erwachsenen haben oft falsche Vorstellungen davon, wann ein Kind zu frieren hat und wann nicht. Beide Kinder wollten bis zwei Jahren nachts keine Decke, der Große schläft sogar nackt ohne Decke bei 16 Grad Raumtemperatur. Krank sind beide äußerst selten.

    Viel gefährlicher leben die Babies, die bei 15 Grad im Schneeanzug mit Mütze unter der Kaputze im dicken Daunensack im Kinderwagen liegen und knallrot und vollgeschwitzt vor sich hinventilieren.

  7. Ich finde es wichtig, dass die Mutter ihr Verhalten und das des Kindes reflektiert hat. Sie hat sich entsprechende Gedanken gemacht. Der Rest ist Erziehungsfreiheit.

    Ich bin froh, dass nicht alle dasselbe Erziehungsbild leben. Ansonsten würden wir es vermutlich immer noch normal finden, dass Kinder geschlagen werden, wenn sie nicht parieren.

    Das ist nach dem heutigen Wissensstand dann eindeutig eine Kindesmisshandlung.

    Ich finde es erstaunlich, wie wenig manche Menschen den Kindern zutrauen.
    Außerdem finde ich es eine Frechheit, wenn man sich über den Willen des Kindes hinwegsetzt. Man kann Kindern vieles erklären. Auch sehr kleine Kinder verstehen. manchmal vielleicht nicht den Inhalt des Gesagten, aber doch dass den Eltern diese Situation wichtig ist.

    Liebe Eltern macht euren Mund auf und redet mit euren Kindern!

  8. Ich habe jetzt erst von diesem Fall (übers Fernsehen) erfahren und kann nur hoffen, dass die Mutter die Persönlichkeitsrechte ihres Kindes massiv einschränkt, wenn es mal mit Schraubenzieher und Steckdose spielt – oder im 9. Stock auf dem Fensterbrett sitzt, oder… oder… oder… zur Erinnerung: das Kind war 1,5 Jahre alt. Die Zusammenhänge zwischen Steckdose = Werkzeug = Tod sind für ein Kleinkind in etwa genauso zu erfassen wie „kalte Füße“ = Schnupfen.
    Vielleicht steckte aber auch nicht Dummheit hinter dieser Geschichte, sondern vielmehr die Erziehungsmethode „Wer nicht hören will, muss fühlen“ – als Anwältin wußte sie natürlich, dass sie dies den Polizisten lieber nicht erzählen sollte, ohne das Jugendamt vor der Tür stehen zu haben.

  9. Meine Güte, was muss man hier für unglaubliche Kommentare zu dieser eindeutig unhaltbaren Situation lesen!! Sind denn alle Mütter/Väter die diesen Vorfall befürworten nicht von dieser Welt? Es geht hier um ein Kleinkind!!! Hallo?!?! Wie schon von einigen sehr richtig bemerkt wurde, kann ein Kind in diesem Alter in keinster Weise entscheiden/abschätzen, was für Folgen sein Handeln hat. Oder seid Ihr ich-diskutiere-jeden-käse-mit-meinem-kleinkind-Eltern noch genauso redselig, wenn euer Kind unbedingt seine Persönlichkeitsrechte wahrnehmen möchte, indem es dem Katzenklo einen intensiven Besuch abstattet oder bei Außentemperaturen von 5°C ein erfrischendes Bad im Ententeich nehmen möchte oder meint, der Inhalt seines Töpfchens gehöre nicht ins Klo, sondern auf euren Wohnzimmerteppich? Wir haben als Eltern die Pflicht unsere Kinder zu schützen und uns auch einfach mal über deren Wünsche und Vorstellungen hinwegzusetzen, vor allen Dingen wenn das Kindeswohl gefährdet ist. Ich habe aber den Eindruck, dass einige Kommentatoren den Kinderschuhen selbst noch nicht entwachsen sind, anders kann ich mir derartige Befürwortungen nicht erklären.

    1. Ich habe vielmehr den Eindruck hier werden Äpfel mit Birnen verglichen. Grundsätzlich sollte ein Kind geschützt werden vor Gefahren (siehe Steckdosen), aber ein nacktes Kind ist keine Gefahr, selbst nicht bei 5 Grad nackt in der Pfütze spielend. Denn wie hier richtig bemerkt wurde, sind alle Kinder in der Lage einzuschätzen, ob sie frieren oder nicht. Sogar Babys können das. Überprüft man dann noch regelmäßig, ob das Kind warm ist, kann eigentlich nichts passieren. Denn auch Kinder erkranken durch Viren und Bakterien, aber nicht durch Kälte oder Wärme. Und Kinder haben wir Erwachsene auch ein extrem unterschiedlicher Wärmeempfinden. Und Dauerfrierende Erwachsene können auch hitzige Kinder haben….

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