"In den Schlaf gewiegt zu werden ist Gewohnheit" – Gedanken zum Interview mit A. Kast-Zahn in der ELTERN – ein fehlendes Puzzleteil

Nachdem eine Petition im Internet die Rücknahme von „Jedes Kind kann schlafen lernen gefordert hat“ („Shitstorm“ hieß es sogar), führte Eltern-Autorin Nora Imlau mit der Autorin Kast-Zahn ein starkes Interview für die Zeitschrift ELTERN. Imlau und Kast-Zahn diskutieren über den Sinn und Unsinn von Schlaflernprogrammen, über Studienergebnisse und darüber ob das sogenannte Ferbern jetzt schädlich sei für die Kinder oder nicht.

Aus Artgerecht-Sicht fehlt bei der Diskussion noch ein wichtiges Puzzleteil. Es geht nicht nur darum, ob Ferbern langfristig schädlich ist, was Eltern oder Babys aushalten können und wer was wie wissenschaftlich nachweisen kann oder nicht. Es geht noch um etwas ganz anderes.

Gleich vorneweg: Aus Sicht des Artgerecht-Projektes ist ein Konzept wie in „Jedes Kind kann schlafen lernen“ völlig indiskutabel. Keine Frage. Und wir werden diese Aussage auch weder relativieren noch zurücknehmen. Keine Kompromisse. Ferbern geht nicht. Aber: Verzweifelte Eltern ohne Hilfe zu lassen, geht auch nicht.

Die AP-Szene hat also ein Dilemma:

Verzweifelte, erschöpfte, unter Schlafmangel leidende Eltern brauchen Hilfe.
Schlaflernprogramme sind keine Hilfe.
Verzweifelte Babys alleine schreien zu lassen geht für uns nicht.
Verzweifelte, erschöpfte Eltern ohne Hilfe zu lassen geht auch nicht – und ist gefährlich.

Was also tun? Was empfehlen?

Nora Imlau löst diesen Konflikt, indem sie Schlaflernprogramme als letzten Ausweg anbietet, wenn sie in ihrem Gastbeitrag auf Geborgen-Wachsen.de schreibt:

„Kurz: Selbst wenn tausend Studien die Unbedenklichkeit von Schlaflernprogrammen belegen würden, es bliebe trotzdem ganz großer Mist, sie anzuwenden – außer in jenen wirklich seltenen Situationen, in denen Eltern kurz davor stehen, ihre Kinder an die Wand zu klatschen von lauter Wut und Frust über die eigene Schlafsituation.“

Herbert Renz-Polster tut in seinem Buch „Kinder verstehen“ dasselbe, er schreibt:

„Wenn Eltern also ihre Kinder „ferbern“, weil sie schlicht am Ende ihrer Kräfte sind und andere Methoden nicht richtig funktioneren, dann kann (kursiv im Original) das eine Notlösung sein – ein schlafendes Kind kann nun einmal für die Eltern den Unterschied zwischen Himmel und Hölle, ja sogar zwischen Gesundheit und Krankheit bedeuten.“

Wir sollen unsere Babys also nicht ferbern – außer, wenn wir nicht mehr anders können. Wie wäre es, wenn wir stattdessen dafür sorgen, dass Eltern erst gar nicht in derart verzweifelte Situationen kommen?

Kast-Zahn sagt auf Noras Frage hin, dass man einem Baby, das nachts acht Mal Mama weckt, durchaus auch kuschelnd Schlafen beibringen kann: „Wenn Eltern dazu die Geduld haben – wunderbar. Aber was meinen Sie, wie viele Eltern das Gebrüll ihrer Babys regelrecht aggressiv macht?“

Genau hier liegt der springende Punkt für mich. Warum macht diese Eltern das Gebrüll ihres Babys aggressiv? Sparen wir uns alle Küchenpsychologie, jeder weiß es: Überlastung und Schlafmangel sind ein explosiver Cocktail, der aus der entspanntesten, liebevollsten Mutter/Vater eine aggressive Furie machen kann.

Diese Eltern machen nichts falsch. Sie haben aus meiner Sicht auch ihren Kindern keine falschen Schlafgewohnheiten antrainiert, wie Kast-Zahn suggeriert. Sie haben eine Situation, mit der sie nicht umgehen können, weil sie am Ende ihrer Kräfte sind. Weil sie übermüdet sind. Weil sie schlafen wollen. Weil diese Situation nicht artgerecht ist.

Menschen waren in den letzten 100.000 Jahren niemals so alleine mit unseren Kindern, wir wir es heutzutage sind. Schon gar nicht mit 24-Stunden-Babys oder Schreibabys. Wir sind auf diese Art von Dauerstress nicht vorbereitet, weil wir ihn niemals aushalten mussten.

Für unsere Situation brauchen wir keine Schlaflernprogramme für die Babys. Die Babys sind okay. Wir brauchen auch nicht noch mehr Schuldgefühle für die Eltern (falsche Schlafgewohnheiten angewöhnt). Die Eltern sind okay. Was wir vor allem brauchen, sind andere Lebensbedingungen für die Eltern.

Wir müssen als erstes die Überlastung der Eltern abstellen. Denn Überlastung ist das Problem. Ohne Überlastung können die Eltern auch ohne „Nothilfe“ oder „Notfallprogramme“ ihren Kindern zeigen, wie in dieser Familie nachts zu schlafen ist.

Ohne chronische Überlastung könnten Eltern ihrem Baby entspannt und gelassen mit Körperkontakt beibringen, dass jetzt Schlafenszeit ist und das Mama nachts nicht acht Mal stillen will oder kann. Und wann sie das macht, kann sie/ können die Eltern dann auch entspannt entscheiden – aus artgerecht-Sicht ergibt es überhaupt keinen Sinn, ständig auf die individuellen Entwicklungsabläufe von Kindern zu verweisen und dann aber pauschal zu sagen: Ab acht Monaten darf man Schreienlassen. Wenn Eltern gar nicht in den Teufelskreis von Erschöpfung, Alleinsein und Schlafmangel geraten, wird sich die Frage ohnehin ganz anders stellen.

Aber warum sind wir Eltern so überlastet? Was ist hier passiert?

Die meisten Eltern – vor allem: Mütter- sind tags wie nachts mit ihren Babys viel zuviel alleine. Würden hingegen immer drei begeisterte Tanten, Großtanten, Omas, Onkels und Nachbarn mit dem Baby auf dem Arm herumlaufen, es trösten, kuscheln, spielen, wenn also Mama und Papa damit nicht alleine sind, kommen die Eltern gar nicht in die Situation, einen „letzten Ausweg“ gehen zu müssen, bevor sie ihrem Kind etwas antun. Aber wenn Eltern 24/7 das „kostspieligste aller Primatenbabys“ (nach Sarah Bluffer Hrdy) alleine großziehen müssen, brechen sie irgendwann zusammen.

Artgerecht ist:

Unterstützung durch andere
Kontakt zu anderen Eltern
mehr Information
Ursachensuche, was die Situation so belastend macht
Lösungen, die die Umgebung ans Kind anpassen und nicht das Kind an die Umgebung

Kurz: Wir brauchen einen Ersatz für unser verlorengegangenes Dorf. Genau deshalb machen wir das Artgerecht-Projekt. Unsere Coaches wollen Eltern dafür sensibilisieren, was sie wirklich brauchen – jenseits aller Rezepte und Vorgaben. Wir wollen Eltern den Clan, das Dorf zurückholen, das ihr Leben so sehr entspannen kann. Jedes Treffen, ob Artgerecht, Stilltreffen, Pikler, aber auch Nachbarschaft oder Familientreffen kann ein Anfangspunkt sein, um das Netzwerk zu bauen, das Eltern stützen kann.

Ich höre jetzt schon die Kritiker: Nicola, das sind doch alles Illusionen. Die Wirklichkeit ist nunmal anders. Aber wird die Wirklichkeit je anders, wenn wir sie so akzeptieren, wie sie ist? Oft ist Hilfe nur eine Tür, ein Gespräch weit entfernt. Wir müssen wieder lernen, sie zu geben, sie zu fordern, sie nehmen zu können.

Und dann erübrigt sich sehr wahrscheinlich auch die Schlaflerndiskussion.

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7 Gedanken zu „"In den Schlaf gewiegt zu werden ist Gewohnheit" – Gedanken zum Interview mit A. Kast-Zahn in der ELTERN – ein fehlendes Puzzleteil

  1. JA! Und dazu: Schlafen, wenn Baby auch schläft! Dann bekommt auch Mama genug Schlaf. Das Problem: In unserer Gesellschaft wird oft viel zu früh von Mamas wieder Leistung erwartet. Klar, in den meisten Fällen muss auch Mama Geld mit nach Hause bringen. Aber die zwölf Monate Elternzeit, die Mama nehmen könnte, sind Gold wert. Dann ist es halt mal schmutzig oder die Wäsche wird dann halt mal nicht gewaschen. Lieber mit Baby zusammen hinlegen. Schwieriger ist es natürlich bei mehr als einem Kind. … (nur ein paar Gedanken – kein Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit).

  2. Ich bin absolut deiner Meinung – artgerecht gehalten fühle ich mich selten!!!

    Ich persönlich finde die Umsetzung ziemlich schwer und doch bin ich deiner Meinung, wenn wir nix ändern – ändert sich auch nix.
    Daher ist meine Devise: Die Wahrheit sagen, Hilfe annehmen und anbieten und zur Geburt was sinnvolles schenken – bei uns ist es mittlerweile meist ein Pizzeriagutschein oder ein großer Topf Hühnerbrühe. (Meine Tante sagt, früher war das ganz normal, dass die Nachbarn was zu essen gebracht haben.)

    Den Gedanken in die Gesellschft zu bringen ist und bleibt schwierig – als Mutter muss man einfach glücklich sein.

  3. Zwei Punkte möchte ich noch ergänzen:

    1) Uns fehlt nicht nur die Unterstützung, sondern auch die Erfahrung. Das erste Kind das wir in den Händen halten ist meist das Eigene. D.h. wir sind weder auf das vorbereitet was kommt, noch haben wir Strategien damit umzugehen. (Ratschläge gibt es natürlich dann genug.)

    2) Wir selbst haben wenig feinfühlige, bindungsorientierte Erziehung genossen und fallen schnell in alte Muster und Verletzungen – ganz unbewusst. Viele Aggressionen entstehen dadurch das unsere Kinder alte Wunden antriggern. (Unterstützung kann das abpufferne, aber vielleicht auch nicht komplett auffangen…?)

  4. Ich stimme sowohl dem Artikel als auch obigen Kommentaren zu.

    Ergänzen möchte ich, dass es trotzdem auch eine Ursache beim Baby geben kann, warum es schlecht schläft oder z.B. häufig nachts aufwacht. Der einzigste, der bisher dazu Stellung genommen hat (in einer Art und Weise wie ich es bestätigen kann aufgrund meiner Erfahrung (keine Studie!) ist William Sears in seinem Buch Schlafen und Wachen. Dort schreibt er, dass besonders Kinder, die an Nahrungsmittelallergien leiden, problematische Schläfer sind und dann eine sehr anstrengende Situation entstehen kann, die „noch mehr Dorf“ als üblich benötigt. Fragt man Kinderärzte zum Thema muss man sich häufig rechtfertigen und erhält keinerlei passende Betreuung. Meiner Meinung nach ist die Wissenschaft da noch ganz am Anfang, auch wenn es mitlerweile Studien gibt, die eine Kuhmilchallergie mit Schlafproblemen assoziieren …
    Da wünscht man den Eltern viel Intuition und Selbstvertrauen!

  5. Hallo,
    das ist ja witzig, ich bin gerade über Deinen Blog gestolpert. In meinem Post „One day, oh baby, you will sleep“ habe ich auf meinem Blog zu dem Thema geschrieben und bin ebenfalls zu dem Schluss gekommen, dass uns unser Dorf abhanden gekommen ist, das den Eltern Freiräume und Erholungsmomente schaffen kann. Ist ja nunmal auch naheliegend. Ich musste nur zurückdenken, was mir in der harten Zeit wirklich geholfen hätte… 😉

    Deine Idee finde ich sehr gut. Eigentlich sollten dieses Coaching alle Hebammen und Gyns ausüben können (also auch dafür bezahlt wernden, aber anderes Thema).

    Liebe Grüße, Mama notes

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