Mittwochstipp & Radiointerview: "Wenn Babys reden könnten"

In Deutschlandradio Kultur nimmt Friedrich Manz, Autor von „Wenn Babys reden könnten“ die herrschende Säuglingspflege auseinander:

Die Verrohung der Kinderheilkunde im 19. Jahrhundert und ihre Folgen bis heute
Gespräch mit Friedrich Manz, Kinderarzt

Stillen nach der Uhr, Schreien lassen, alleine lassen – alles kulturell bedingte Grausamkeiten, die immer noch weitergetragen werden, obwohl keiner mehr weiß, woher diese Praktiken eigentlich kommen. Manz hat offenbar nachgeschaut (ich hab das Buch noch nicht) und einiges gefunden, wie er im Interview erklärt.

„Wie kinderfreundlich ist unsere Gesellschaft?“ fragt die Moderatorin. Danke für diese Frage!! Antwort: „Wir haben eine kinderfremde Gesellschaft. Kinder sind eine Minorität, die in unserem Alltag fast nicht mehr auftaucht. (…) Mein Wunsch ist, dass man erkennt, dass man die Andersartigkeit eines Säuglings anerkennt und anders damit umgeht. Effizienzdenken und Leben nach der Uhr kennt der Säugling nicht. Das fällt uns natürlich sehr schwer.“

Woher kommt das Schreienlassen? Er sagt: Aus Erfahrungen, wie still Babys in Findelheimen waren. Doch dies waren aus Manz‘ Sicht nicht brave, sondern „depressive“ Säuglinge.

„Die Kinderärzte, die sich immer als Anwälte der Kinder stilisieren, die haben einen Schatten“ und zwar den einer dunklen Zeit, in denen Säuglinge eher als dressierbare Störenfriede angesehen wurden. Die Menschen, die damals schrieben, haben sich häufig nie um ein Kind selbst gekümmert.

Das war nicht immer so. Vor 1850 gab es nach seiner Forschung eine Periode, in der Kindheit als besondere Phase gesehen wurde und kindgerecht argumentiert wurde – mit „Liebe, Freundlichkeit, Detailgenauigkeit“.

Warum kam der Bruch 1850? Er sagt: „Nationalismus – es waren plötzlich ganz andere Tugenden wichtig.“ Helden waren gefragt, „harte“ Kerle. Und dazu kam eine dominante Wissenschaft: „Plötzlich wurde das Kind zum Objekt, vorher hatte es eine Seele, es waren Geschenke Gottes, jetzt war es nur noch das Biomodell Kleinkind…“

Das dritte Reich habe anschließend versucht, zwischen Müttern und Kindern eine „Kampfbeziehung“ zu etablieren. Ein Kampf darum, wer länger durchhält: Das weinende Baby oder die ignorierende Mutter.

Klingt spannend. Lesen wollen.

Wenn Babys reden könnten

(Danke an meine Ma für den Hinweis!)

(Es geht natürlich auch um die Sauberkeitserziehung – Zwangstopfen, Töpfchendressur. Ich darf nochmal dran erinnern: Windelfrei hat damit nichts zu tun. Wir achten auf Signale und Körpertiming (gastrokolischer Reflex). Kein Zeitplan. Kein Stress. Kein Druck.)

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