Stillen in der DDR

Stillen in der DDR – Sabine hat mir diese „Wiegekarte“ geschickt, mit der Aufschrift: „Mutter stille Dein Kind“ und Gründen fürs Stillen:

wiegekarte

Auf der Rückseite sind Größe bzw. Gewicht zu den Untersuchungszeitpunkten vermerkt.

Es gab in der DDR offenbar Milchbanken und auch finanzielle Anreize. Gleichzeitig hört man immer wieder, dass Mütter nur kurz (6 Wochen) stillten und dass die zeitlichen Vorgaben (alle 4 Stunden, nachts gar nicht) eher stillhinderlich waren. Ich hab mal ein bisschen rumgesucht und folgendes gefunden:

Auf Stillen-und-Tragen.de gibt es einen interessanten Thread dazu, da erzählen die Frauen vom Stillen in der DDR und den rigorosen, trotz des positiven Textes auf der Wiegekarte offenbar eher stillhinderlichen Umständen.

Da schreibt Kerstin:

Von meiner Verwandschaft weiß ich, daß (in den 80gern) das Stillen vom Krankenhaus im Prinzip gefördert wurde, d.h. die Mütter sollten, es gab Milchbanken etc. aber z. T. wie man heute (wieder) weiß auch recht verquere Vorstellungen: räumliche Trennung von Mutter und Kind nach der Geburt für 2 Wochen (die Säuglinge wurden viel von den Schwestern versorgt), 4-Stunden-Rhythmus, beifüttern auch mit Flaschenmilch ab 3-4 Monaten. Sie hatten dann auch alle zu wenig Milch (?) und haben eher bald nach Einführung der Flaschenkost abgestillt.

Noch mehr Details von Maja vom Moderatoren-Team, die dazu nach eigenen Angaben geforscht hat:

Die Milch in den Milchbanken wurde vor allem für Frühchen und sehr schwache Neugeborene eingesetzt, denn die in der DDR erhältliche Säuglingsmilchnahrung (Babysan, KI-NA, Milasan) war qualitativ weit entfernt von den heutigen Standards (wie das im Westen in den 70/80ern war weiß ich nicht genau, habe mich nur mit der Säuglingsgeschichte in der DDR befasst, aber wahrscheinlich ähnlich). Mal davon abgesehen gab es auch in der Säuglingsmilchproduktion, wie bei fast allem anderen, immer mal wieder Rohstoff-/Lieferengpässe. Die Kliniken waren auf die Muttermilchbanken also zwingend angewiesen und bei aller sonstigen Stillunfreundlichkeit hatten die Geburtsstationen ein Interesse daran, dass das Stillen in den ersten Wochen irgendwie (halbwegs) funktioniert, bis die Alternativnahrungen einigermaßen gescheit vertragen wurden, und ordentlich nachgepumpt wird, um die „Überschüsse“ ankaufen zu können.
Sowohl in Kliniken als auch in den Kinderkrippen wurde spätestens ab ca. 6-8 Wochen künstliche Säuglingsmilch gefüttert, sehr zügig auch angereichert mit Gemüse- oder Obstmus/-saft. Hier stand nicht unbedingt eine ideologisch frühe Beikostgewöhnung im Vordergrund, sondern eher die Erfahrung, dass die Kinder mit der Milchnahrung tatsächlich schnell einen Vitaminmangel bekamen. Allerdings wurde auch recht zügig mit Getreide angereichert, das dann schon mit der Absicht die Mahlzeitenabstände zu vergrößern. Das „Nahrungsmanagement“ in den Krippen war ebenfalls ziemlich straff durchorganisiert, es wurde eindeutig bevorzugt, dass die Kinder dort in den üblichen Standard eingepasst werden konnten – das Mitbringen abgepumpter Milch in die Krippe war wohl weder üblich noch erwünscht.

Der 4-Stunden-Rhythmus und andere stillfeindliche Ideologie war auch im Westen sehr verbreitet, wurde aber in der DDR durch die „Mütterberatung“ wesentlich stärker „sozial kontrolliert“. Die Verweildauer im Krankenhaus nach der Geburt betrug ca. eine Woche, in denen die Kinder meistens recht rigoros von den Müttern ferngehalten wurden – vor allem nachts – und schon auf den Rhythmus „eingestellt“ wurden. Zuhause scheiterte das Stillen dann oft schon beim ersten richtigen Wachstumsschub des Kindes an „zuwenig Milch“. Ein echtes Problembewusstsein dafür gab es allerdings eher nicht, da kurze Zeit später ohnehin für viele Babys die Krippenzeit begann und die Vereinbarkeit von Beruf und Stillen für die meisten jenseits aller Vorstellung lag.

Die User/in aniki erzählt von regionalen Unterschieden, bei ihrer Mutter klingt das alles etwas anders:

Mein Bruder ist Jahrgang 65 und ich bin Baujahr 73. Wir lebten in einer Kleinstadt in Sachsen.
Im Krankenhaus wurden wir nach Bedarf zur Mutter gebracht oder sie ist in ein Stillzimmer gegangen. Tags wie nachts. Die Kinderschwestern haben nur das Gewicht beobachtet, ansonsten war es eine Entscheidung der Mütter, wie oft sie die Kinder zum Stillen haben wollten. Wir sind beide von unserer Ma voll gestillt worden und zwar 8 Monate lang. Sie hatte auch sehr viel Milch und hat sie in der Mütterberatungsstelle abgegeben. Ob es dafür Geld gab weiß ich nicht. Dort wurde sie auch bei Schwierigkeiten mit dem Stillen beraten. Anfangs hatte sie dort wöchentlich einen Termin, dann bei Bedarf. Wartezeiten gab es nicht.
Es war ebenso möglich für stillende Mütter sogenannte Stillpausen in Anspruch zu nehmen. Also während der Arbeitszeit zum Baby und stillen und dann wieder zurück. Damals waren die Kinder in den Betriebskrippen oder zu Hause bei der Oma, und Arbeitsplatz und Wohnort nicht kilometerweit auseinander.
Meine Mama war Lehrerin und der Direktor der Schule hat ihre Stunden so eingeplant, dass sie regelmäßig eine Freistunde hatte um nach Hause zu können und uns zu stillen. Wenn es mal nicht so klappte, dann war unsere Oma oder mein Vater mit dem Kinderwagen an der Schule und hat uns zum Stillen hingebracht. Also das war kein Problem. Es gab auch einen Raum extra für die stillenden Mütter. Alle 4 Stunden hat uns auch ausgereicht, nach der Wochenbettzeit, so erzählte mir das meine Ma.

Ob es dazu auch Literatur gibt? Kennt sich jemand aus? Ich kenn nur Studien zu Krippenbetreuung.

Danke an Sabine für die Wiegekarte und die Idee, da mal nachzulesen!

4 Gedanken zu „Stillen in der DDR

  1. Haben hier auch so ne Wiegekarte vom Männe in nem Fotoalbum :o) Musste ich auch schon drüber schmunzeln.
    SchwiMu hat sich damals als Kinderkrankenschwester in der DDR natürlich explizit an die Vorschriften gehalten und ihre Kinder Nachts nicht gestillt. Da mussten die armen Kids eben Weinen :o(
    Natürlich hatte sie auch nur für ein paar Wochen Milch und auch nie ausreichend.
    Sie hat sich schon bei meinem Grossen sehr gewundert, das ich nach mehr als 3 Monaten Stillen noch immer genug Milch hatte.
    ABER sie hatten ein Familienbett! Mit nem Alibikinderbett für die Kontrollen durch die „Mütterberaterin“ (weiss nicht mehr wie der exakte Titel dieser Person war). Die kam dann in regelmässigen Abständen und schaute nach dem Rechten…

  2. Also ich kann noch berichten, dass ich im Alter von 6 Wochen bis zu meinem dritten Lebensjahr zu einer Tagesmutter gegeben wurde. Meine Mutter kam jeden Tag von der Arbeitsstelle kurz vorbei um mich zu stillen- jedenfalls die ersten Monate. Nachts habe ich nix bekommen. In einem DDR- Erziehungsratgeber aus den Siebzigern konnte ich nachlesen, dass die Fütterungspause von 22 – 6 Uhr unbedingt nötig sei, damit die Mutter genug Schlaf erhält- schließlich soll sie ja am nächsten Tag wieder arbeiten. Schon bitter. Vielleicht habe ich deshalb meine „Angst, nie genug zu bekommen“, wenn es ums Essen geht? Leider bin ich wohl 5 Jahre zu früh geboren, denn ab 1976 gab es ab dem 2. Kind das Babyjahr in der DDR. Das entspricht in etwa der heutigen Elternzeit. Mütter konnten für zwei Drittel ihres Gehaltes ein Jahr zu Hause bleiben und sich um das Baby kümmern. Ab 1986 galt das auch für das erste Kind und auch Väter konnten dann das Babyjahr beanspruchen. Ab dem dritten Kind gab es dann 18 Monate Baby“jahr“.

    Meine Mutter und auch meine Schwiegermutter kommen beide aus dem Stauenen nicht heraus, dass ich mein erstes Kind 2 Jahre stillen „konnte“. Meine Mutter ist vom AP fasziniert und sie sagte einmal, dass sie ein bisschen traurig sei, wenn sie sieht, wie nah ich meinen Kindern sein kann. Sie selbst hat meine Geschwister und mich ja kaum erlebt.

  3. ich habe in einem ratgeber „ein kind wird erwartet“ von 1987 ein prospekt gefunden mit der aufschrift „stillen – die beste ernährungsform des säuglings“. wenn du interesse hast, scanne ich das mal ein. in der tat kann ich die kommentare nur bestätigen. in meiner familie wurde auch versucht zu stillen, aber stets hatten alle zu wenig milch und „mussten“ deshalb zufüttern. meine oma hat 5 mädchen zur welt gebracht und keins der kinder wurde länger als 4 wochen gestillt. meine mutter hat zwei kinder zur welt gebracht und auch mein bruder und ich wurden nur ganz kurz gestillt. meine schwieMu hat mit dem stillen aufgehört, weil die „aufgebissene“ brustwarzen hatte. die ganzen probleme, waren so was von normal zu der zeit, dass man davon ausging, dass nach so kurzer zeit eben von natur aus schluss ist. und das war während meiner schwangerschaft mein größtes problem neben der hausgeburtsgeschichte, die wohl auch eine ichKommeVomAnderenStern geschichte war. die frauen in meiner gesamten familie haben mir subtil eingetrichtert, dass ich eh nicht lange stillen kann, weil ich ja bestimmt nicht genug milch habe, immerhin hat keine frau in unserer familie je genug milch gehabt *kopfschüttel und gegenDieWandHau*. mittlerweile sind die ganz entzückt, wenn mein fast 16 monate alter krümel beim gemeinsamen frühstück beide „nanas“ rausholt und genüsslich sein frühstück verzehrt. sie wurden eines besseren belehrt. in dieser sache verfluche ich die DDR, auch wenn ich mich z.b. an meine kigazeit sehr gerne zurück erinnere. was haben die da bloß für eine gehirnwäsche mit den frauen betrieben. auch erzählten meine mutter und meine oma, dass die männer früher nicht mit in den kreißsaal durften. ich denke aber, dass sie das nur nicht hinterfragt haben. ein gesetz gab es bestimmt nicht 😉

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