OT: Indien – whats my name?

„Whats your name?“ ist immer die erste Frage. Es ist die Tür, durch die alle weiteren Fragen gehen, die Fragen woher wir kommen, ob wir etwas kaufen wollen, wohin wir noch fahren werden, ob wir nicht hier etwas essen möchten. Und es ist die Frage, die jemand stellt, der mir eine Handbreit näher auf den Pelz rückt, als ich das gewohnt bin.
Jeder Mensch hat eine kulturell geprägte Grenze, wie weit er andere, unbekannte Menschen körperlich an sich heranlässt. In Europa ist diese Grenze, so meine Erfahrung, überall mehr oder weniger gleich. Auch wenn ich z.B. die Italiener als offener und „näher“ empfinde, ist es doch immer noch „im Rahmen“ dessen, was ich aus Deutschland kenne.
Hier ist es vollkommen anders. Dazu muss ich sagen, dass ich mich eigentlich für äußerst flexibel hielt, was den persönlichen Bewegungsrahmen angeht. Unter Tänzern und Schauspielern ist die körperliche Grenze ja nochmal viel fließender als unter Büromenschen, also dachte ich als Ex-Schauspielerin immer, hey, das ist doch alles ganz entspannt. Indien hat mich eines Besseren belehrt. Es ist mir hier oft schlicht – zu nah. Körperlich und energetisch.
Hier werde ich von Wildfremden ganz selbstverständlich angefasst, mein Kind wird berührt, man drängt sich um uns, an uns… und das mit solcher Wucht – viele Menschen – und mit solcher Nähe wie ich das aus Europa und Amerika nicht kenne. Und auch mit einer Hartnäckigkeit, die mir völlig neu ist. Menschen, die etwas wollen, etwas verkaufen oder schauen oder betteln, stehen durchaus mal eine halbe Stunde um uns herum und versuchen es immer, immer wieder. Oder sie laufen direkt neben uns her, egal was wir sagen, Meter um Meter, Schritt um Schritt, Minute um Minute.
Ich lerne dabei, gelassen zu bleiben. Ich ignoriere alle die „Scher dich davon!“- Sätze in meinem Kauderwelsch-Hindi-Sprachführer und bleibe entspannt. Ich versuche einfach, ebenso hartnäckig wie freundlich auf meiner Position des Nein-ich-will-nicht zu beharren. Je entspannter ich bleibe, desto entspannter bleibt die Situation und löst sich irgendwann von selbst. Auch sehr wichtig: Keinen Augenkontakt herstellen. Wenn ich absolut keinen Kontakt will, dann darf ich auf gar gar gar keinen Fall Augenkontakt zulassen. Augenkontakt bildet sofort ein energetisches Band, das sich dann nur noch schwer lösen lässt. Wenn ich Augenkontakt vermeide, ist die Situation viel schneller vorbei.

Diese ungewohnte Nähe ist nicht immer unangenehm. Die Menschen sind oft einfach freundlich und neugierig und ihre Annäherung kommt auch so rüber. Es wird erst dann bedrohlich, wenn Menschen uns irgendwohin ziehen wollen, wenn sie uns den Weg versperren, wenn sie uns partout etwas verkaufen wolllen oder in zu großer Zahl in uns dringen, wir mögen doch mal das Kind hergeben, damit sie ein Foto machen können.

Überhaupt sind Menschen hier meistens „viele“. Kinder sind meistens in Gruppen, häufig ein Geschwisterchen auf der Hüfte. Sie kommen auch in Gruppen auf unser Kind zu, und für ihn ist das ebenso wie für uns neu, mal spannend und mal bedrohlich. Hier kann man sich Herbert Renz-Polsters „Quirl der Kindergruppe“ ploetzlich vorstellen.

Eigentlich spannend und schoen, dennoch – wann immer wir uns inmitten von vielen Menschen bewegt haben, auf einem Bazaar, auf einem Marktplatz oder an einem Hafen, bin ich hinterher innerlich reichlich zerwuselt. Als wäre mein Energiefeld total zerzaust, als müsste ich mich erst einmal hinsetzen und wieder reinigen, innerlich leer werden, das aufgewühlte Wasser wieder zur Ruhe bringen. Für mich passt es daher auch nur zu gut, dass Bedürfnis und Kunst der Meditation in diesem Winkel der Erde perfektioniert wurden und werden.

Es geht auch alles viel schneller als zu Hause. Kontakte werden viel schneller geknüpft, was für mich aber auch heißt, dass ich ständig schnell reagieren muss, um von der Welle von Kontaktanfragen und Energie nicht einfach überrollt zu werden. Wer nicht schnell genug reagiert, der wird zum passiven Spielball der anderen – angefasst, hineingezogen, mitgenommen. Wer reagiert, muss darauf achten, höflich, freundlich und hartnäckig zu bleiben – ein prima Verhandlungstraining , ich bin sicher, dass ich schon in naher Zukunft dankbar für diese Lektion bin.
Was mir jetzt auffällt: Ich habe mich zwar mit der Sprache, mit der Kultur, mit der Geschichte der Unabhängigkeitsbewegung und mit den Reisewarnungen beschäftigt. Aber eigentlich weiß ich gar nichts über diesen riesigen Kontinent. Es gibt so viele Religionen, Geschichten, kulturelle Eigenheiten, dass ich mit meinem bisschen Wissen jeden Tag vor einem neuen Rätsel stehe.
„Whats your name?“ – hm…“Hase“.

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