OT: Indien – Zeit

Eine faszinierende Sache in Nordindien ist, dass viele Leute sooo viel Zeit haben. Das ist mal wieder so ganz anders. In Europa, in Deutschland hat JEDER IMMER irgendetwas zu tun, irgendeinen nächsten Termin. „Wie lange hast Du Zeit?“ ist in meinem Leben eine ganz normale Frage.

Ganz anders erlebe ich das hier: Überall stehen, sitzen, hocken Menschen, meist Männer, die so aussehen, als hätten sie wirklich überhaupt nichts zu tun. Indien hat eine inoffizielle Arbeitslosenrate von 40%, wie uns ein Schriftsteller, den wir vor drei Tagen kennenlernten, erzählte. Ich weiß nicht, ob das stimmt, aber die Straßen sind voller Menschen, die Zeit haben. Jeder kann mal einen Freund anrufen, der auch immer Zeit zu haben scheint, um ein Moped zu organisieren, den Führer zu machen, etwas zu besorgen. Rikschafahrer warten spontan eine oder zwei oder auch drei Stunden, bis wir uns Moscheen angesehen oder zu Mittag gegessen haben. Es gibt kaum Dinge, die man vorher ankündigen, bestellen oder reservieren muss, die Kapazitäten scheinen immer endlos zu sein. Wenn man jemanden kennenlernt, kann es sein, dass man plötzlich eine oder zwei Stunden gemeinsam herumsitzt, ohne dass man das Gefühl hat, der andere hätte noch etwas anderes zu tun, als sich gerade hier, gerade jetzt mit uns zu unterhalten.

Dazu muss ich sagen, dass es natürlich nicht immer und überall so ist. In Delhi sagt einem auch schon mal ein Fahrer, dass er noch einen Termin hat. Man trifft Einheimische, die als Marketingleiter oder Vertriebler arbeiten und sehr wohl gestresst mit Handy und Terminkalender hantieren. Aber wir treffen eben auch viele, viele andere. Es sind auch Menschen dabei, deren Geschäft darin besteht, Touristen im Restaurant oder auf der Strasse in ein Gespräch zu verwickeln und dann in bestimmte Geschäfte zu lotsen, die dem freundlichen Gesprächspartner entweder gehören, oder von denen er Provisionen bekommt. Aber auch das ein Geschäftsmodell, das unglaublich viel Zeit erfordert – für mich unglaublich ineffizient, aber offenbar lohnenswert.

Und dann sind da eben noch die anderen Menschen, die wir treffen, die schlicht…Zeit haben. Zeit, um uns einen Hindu-Tempel zu zeigen oder spontan solange mit mir durch Delhi zu irren, bis ich endlich einen Laden für Haarshampoo gefunden habe…
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