Kleinkind in Indien: Dont touch!!

Kulturschock blondes Kind – ein Kulturschock für beide Seiten, würde ich sagen.

Denn definitiv anders als in Deutschland ist der Umgang mit Kindern. Fremde Kinder werden angefasst. Und zwar ohne Vorwarnung. Unser Sohn ist zudem hellblond und blauäugig, was einen gewissen Exoten-Effekt hat und alle wollen ihn berühren, seine Hand halten und ihn fotografieren.
Grundsätzlich habe ich auch überhaupt nix dagegen. Aber die Art und Weise ist eindeutig ein Kulturschock. Die Inder kommen meistens zu zweit, zu dritt oder gerne auch zu fünft oder zu zehnt auf das Kind zu. Sie haben ihre eigenen Kinder auf dem Arm, deren Hände sie nehmen, auch wenn das Kind das offensichtlich nicht möchte, und versuchen, unsere Kind dazu zu bringen, diese Hand zu ergreifen. Dreht mein Sohn sich weg, greifen sie schon mal nach seiner Hand und ziehen ihn dorthin, wo sie ihn haben wollen – bzw. sie versuchen das, denn seit ich das kapiert habe, springe ich freundlich lächelnd dazwischen, verkünde „very shy – sehr scheu!!!“ und stelle mich vor meinen flüchtenden Sprößling.

blondeskind

Es scheint normal zu sein, auch fremde oder sich sträubende Kinder an der Hand zu nehmen, sie auf den Arm zu nehmen, sie in die Wange zu kneifen. Eine Frau in der Sicherheitskontrolle des Flughafens hat unserem Kleinen sogar mal mit scherzhaftem Lächeln in den Schritt gegriffen – ich hingegen war westlich geprägt einigermaßen sprachlos. Grundsätzlich finde ich alles okay, was mein Kind okay findet. Der findet das alles allerdings zunehmend überhaupt nicht mehr in Ordnung, denn seine Meinung spielt dabei keinerei Rolle. Keine Annäherung, keine Frage, nix. Im Vorbeigehen wird in die Wange gekniffen, fertig. Es wird seine Hand genommen und festgehalten, fertig. Es fehlt das, was ich „Zähmen“ nennen würde, die paar Momente, die es braucht, bis ein Kind einem von selbst zeigt, wie weit man sich nähern darf und wie weit nicht.

Auch die Fotos wären eigentlich völlig okay, aber die Fotografierenden wollen natürlich nicht irgendein Foto, sondern ein Bild mit dem Kind auf dem Arm der Ehefrau oder sitzend oder bitte auf dieser Treppenstufe, bitte lächeln – und versuchen auch dieses zu arrangieren ohne im Allergeringsten davon Notiz zu nehmen, ob mein Sohn oder wir Eltern das okay finden.

Es wird immer wieder deutlich: Kinder haben hier keine Meinung zu haben, sie werden „arrangiert“, das sieht man auch im Umgang mit den indischen Kindern. Sie haben zu tun, was mit ihnen gemacht wird, und klar, so gehen sie auch mit unserem Kind um. Manchmal starrt er nur still in die Kameras, häufig dreht er sich weg oder will auf meinen Arm, selten findet er es spannend und sucht Kontakt zu seinen „Fans“. Das kommt vor, vor allem, wenn es junge Mädchen sind, die nicht sofort drauflosstürmen, sondern vielleicht erst nach seinem Namen fragen. Er braucht nicht lange, aber eine Minute oder zwei halt doch…

Da wir niemanden verletzen wollen, verlegen wir uns aufs erklärende Lächeln und die Auskunft, dass er sehr scheu sei oder dass er sehr müde sei oder eine ähnlich freundliche Ausrede. Meist wird das dann auch mit mehr oder weniger Verständnis quittiert. Bei allzu robusten Annäherungsversuchen bin ich auch schonmal ebenso robust dazwischen gegangen, was eindeutig wenig Wohlwollen hervorgerufen hat. Überhaupt ist es wichtig, dass niemand sein Gesicht verliert, sonst werden die so freundlichen Menschen hier von einer Sekunde auf die andere sehr sehr unfreundlich. Ich habe mal gewagt, einem allzu aufdringlichen Rikschafahrer nach dem dritten „Taxi? Taxi?“ ein genervtes „Leave me in PEACE“ zuzuschmettern – noch Minuten später lief er hinter mir her und wetterte und schimpfte…

Ein Gedanke zu „Kleinkind in Indien: Dont touch!!

  1. Erinnert mich sehr an die Szenen, die Solveig Thorwart in Abenteuer Leben aus Indien beschreibt… Vielleicht muss ich doch nicht sofort hin, auch wenn mein Nachwuchs vielleicht aus dem Wange-kneif-Alter raus ist.

    Schön, dich so ausführlich zu lesen.

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