Krieg dein Kind doch wo und wie du willst!

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Alleingeburt, Hausgeburt, Geburtshausgeburt, Klinikgeburt oder Wunschkaiserschnitt – jede Frau soll ihr Kind so bekommen, wie es für sie gut ist. „Artgerecht“ ist nicht das wo, sondern das wie: Mutter und Kind vor, während und nach der Geburt angemessen betreut – aber genau das ist in Deutschland nicht mehr gewährleistet.

Okay, jetzt mal ganz in Ruhe – wo genau ist das Problem?

  • In Kliniken passiert es jetzt schon, dass die Kinder nach der Geburt auf den Boden aufschlagen, weil niemand das Kind fangen kann – die Hebamme ist gerade bei einer anderen Gebärenden, weil sie ja wegen Personalmangel drei Geburten gleichzeitig betreuen muss. Neugeborene sind erstaunlich stabil – wenn es „nochmal gut gegangen“ ist, beschweren sich die wenigsten Mütter. Hauptsache, das Kind ist gesund. Aber wenn das Kind in sechs Jahren in der Schule nicht mitkommt, geht die Krankenkasse bis zur Geburt zurück und kann die Hebamme verklagen, die kann man nämlich 30 Jahre lang zur Rechenschaft ziehen.

  • Stellt euch eine Welt vor, in der Kliniken trotz Geburtshilflicher Abteilung zu bestimmten Zeiten keine natürlichen Geburten mehr anbieten – wer zur falschen Zeit am falschen Ort ist, kriegt automatisch einen Kaiserschnitt. Warum? Wenn keine Hebamme da ist, darf der Arzt nicht entbinden, aber der Kaiserschnitt lässt sich ja auch vor 17 Uhr planen, bevor die letzte Hebamme geht.

  • Wenn eine Schwangere zu weit zu einem Geburtsort fahren muss oder der Kreißsaal bereits voll ist und sie ins nächste Krankenhaus fahren muss, kann das gefährliche Folgen für Mutter und Kind haben. Was ist zu weit? Diese Studie sagt für die Niederlande, mehr als 20 Minuten Anfahrt sind gefährlich, negative Auswirkungen. Die IGES- Studie 2010 sagt  zu“wohnortnah“
  • „So hat beispielsweise der Landesausschuss in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2001 festgelegt, dass die wohnortnahe Versorgung dann sichergestellt sei, wenn ein Krankenhaus nicht weiter als 15 bis 20 km vom Wohnort entfernt ist. In Mecklenburg Vorpommern gilt eine flächendeckende Versorgung als gewährleistet, wenn die Distanz zum nächstgelegenen Krankenhaus mit Fachabteilung Frauenheilkunde/Geburtshilfe 25km bis 30km nicht übersteigt.“ 

Allerdings sind 30 Kilometer Luftlinie sehr unterschiedlich von der Fahrtzeit her – das kann 20, kann aber auch 50 Minuten dauern. Auf dieser Karte können sich zum Beispiel Familien in NRW ansehen, wo sie ihr Kind zur Welt bringen können – und wo nicht mehr.

Wer hat eure Fragen nach der Geburt beantwortet? Genau: In Deutschland haben Mutter und Kind ein Anrecht auf die Wochenbetreuung zu Hause, bis zum 10. Tag nach der Geburt kann die Hebamme täglich vorbei kommen und auch noch 8 Wochen Postpartum nach Mutter und Kind sehen. Da wird das Neugeborene gewogen und die Neugeborenengelbsucht beobachtet, der Nabel versorgt, die Gebärmutterückbildung beobachtet und das Stillen unterstützt – Hebammenhilfe. Aber in vielen Familien ersetzt die Hebamme in diesen ersten Tagen auch einfach den Clan, die weise Frau, die man alles fragen kann und die sich auskennt. Fällt diese Betreuung weg, sind Familien in den wichtigen ersten Tagen nach der Geburt auf sich alleine gestellt – mit Schreibabys, wunden Pos, Brustentzündungen und allem, was dazu gehört. 

Niemand da, keine Zeit, kein Personal, keine Ahnung, nach der Geburt nicht ausreichend versorgt mit all den massiven Nachteilen, die das für unsere Familienleben haben kann – diese Probleme betreffen alle Schwangeren – und zwar schnurzpiepegal wo und wie sie entbinden. Krieg dein Kind wie und wo du willst – aber wir alle brauchen eine artgerechte Versorgung, vor, während und nach der Geburt.

Artgerecht ist: gute, entspannte Vorsorge, 1:1-Betreuung während der Geburt (auch bei Kaiserschnitt! Denkt an Stillen und Bonding!), intensive Wochenbettbetreuung. Warum das mit den aktuellen Plänen nicht mehr funktionieren kann, schreibt Herbert Renz-Polster ausführlich hier und einen gruseligen Blick hinter die Kulissen findet ihr bei Anja Gaca hier.

Ich selbst habe meine beiden Kinder selbstbestimmt und friedlich zur Welt bringen können. Das waren die beiden schönsten, kraftvollsten Erfahrungen in meinem Leben. Wenn ich andere Frauen von ihren traumatischen Geburten erzählen höre – egal wo und wie – habe ich Tränen in den Augen. Egal wie wir entbinden, jede Frau, jedes Kind, jeder Mann hat ein Recht auf helfende Hände, ruhige Worte und offene Ohren.

Auch Du kannst helfen!

Was wir alle tun können – jetzt und hier:

  1. …Wenn ihr keine ausreichende Betreuung oder Wochenbettbetreuung habt – meldet das!
  2. …Wenn ihr keine 1:1-Betreuung unter der Geburt bekommen konntet und eure Hebamme wegen zwei anderer Geburten in wichtigen Momenten nicht da sein konnte – meldet das! Ruft euer Gesundheitsamt (zu finden hier) und eure Krankenkasse an und schreibt einen Brief dorthin – wir brauchen belastbare Zahlen der tatsächlichen Unterversorgung.
  3. …Wenn ihr keine Auswahl mehr habt, wo ihr euer Kind zur Welt bringt, sondern die eine Klinik nehmen müsst, die halt noch da ist – dann meldet das! Wir haben das Patientenrecht auf eine freie Entscheidung, aber wenn es nur noch die eine Klinik in der Stadt gibt (wo ihr nicht hin wollt, weil die Hebammen im Kreißsaal sowieso schon total überlastet sind), dann ruft eure Krankenkasse an und beschwert euch.
  4. …Wenn ihr länger als 30 Minuten zum Geburtsort fahren müsst, weil es in eurer Nähe nichts mehr gibt – ruft euer Gesundheitsamt an (zu finden hier) und meldet diesen Missstand mit dem Hinweis, dass das potentiell gefährlich für Mutter und Kind ist.

Und ja: Wer es noch nicht getan hat: Unterschreibt die Petition und unterstützt weiter – z.B. mit eurem Netzwerk – die wirklich smarten Aktionen der Petenten:

Unterstützt die Vereine: Mother Hood und die Hebammen für Deutschland

Die Krankenkassen wollen das System so umbauen, wie es für sie am besten ist? Kommt nicht in Frage. Wir brauchen eine Geburtshilfe, wie sie für uns Eltern und unsere Kinder artgerecht ist. (Danke an Katharina und Michaela für eure Arbeit und eure Infos.)

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