#Vereinbarkeitsgeschichten: Mein Nach-Beitrag zur Blogparade

Liebe Runde,

ich werde sooo oft gefragt: „Wie MACHST Du denn all das mit zwei kleinen Kindern daheim???“

Die Kurzform meiner Antwort lautet: Erst mit wenig Schlaf, dann mit viel Hilfe und mittlerweile mit viel Organisation. Und mit ein bisschen Mut. 🙂

Die Langform lest ihr hier:

(das neue Buch hat mich total in Beschlag genommen, aber jetzt isses raus und ich kann nochmal meinen Nachtrag zur Vereinbarkeit hier posten)

In welchem Bereich bist du tätig (arbeitest du z. B. im Schichtdienst/Büro)?

Ich arbeite selbstständig als Autorin (Wissenschaftsjournalistin) und Seminarleiterin. Als Gründerin des Artgerecht-Projektes bilde ich mit Julia Dibbern zusammen Coaches aus und fahre außerdem viel herum, um Vorträge zu halten. Außerdem halte ich Seminare an Journalistenschulen und schreibe Artikel und Bücher.

Wie viele Kinder hast du? Wie alt?
Ich habe einen Sohn und eine Tochter. Der Große ist sechs, die Kleine drei Jahre alt.

Wann bist du in deinen Beruf zurück gekehrt? In welchem Umfang?

Vor der Geburt des ersten Kindes dachte ich, klar, nach drei oder vier Monaten kann ich wieder einsteigen. Pustekuchen. Kaum war er da, war mir ziemlich schnell klar, dass ich das Leben mit meinem Baby nicht an meinen Beruf als freie Journalistin anpassen wollte. Ich habe stattdessen meinen Beruf an unsere Situation angepasst.

Kurz nach dem Wochenbett begann ich, das Windelfrei-Blog zu schreiben (vorher hatte ich mich vor allem mit IT-Sicherheit beschäftigt). Ich wollte meinen Sohn im ersten Jahr nicht in die Betreuung geben und habe in den folgenden Monaten einsehen müssen, dass ich ohne Betreuung nicht sinnvoll arbeiten kann. Weil ich so einfach keine Termine einhalten kann – das Kind schläft ja genau an DEM Tag mittags nicht, wenn ich noch schnell einen Artikel fertig machen muss.

Meinen Job als Moderatorin wollte ich ebenfalls nach vier Monaten wieder beginnen, aber ich gab ihn dann komplett auf, weil ich mir einen ganzen Drehtag ohne Kind einfach nicht vorstellen konnte.

Der Vater fiel als Betreuungsperson aus, weil er selbst den ganzen Tag arbeitete. Zuerst arbeitete ich daher vor allem Dinge, die ich von zu Hause aus erledigen konnte: Blog schreiben, Elternkurse geben, kleine Artikel veröffentlichen.

Dann gründete ich mit Julia Dibbern das Artgerecht-Projekt und wir arbeiteten von da ab immer möglichst so, das für unsere Kinder ausreichend Zeit bleibt – ein unglaubliches Glück, das tun zu können. Außerdem habe ich einen Job als freie Trainerin, was mir ebenfalls die Freiheit gibt, Termine an die Bedürfnisse der Kids anzupassen (und ich habe traumhafte Kollegen, die für fiebernde Kinder immer Verständnis und eine Lösung haben).

Außer Haus gearbeitet habe ich immer erst, wenn die Kinder über 12 Monate alt waren, und dann hatte ich das Kleine mit einem Babysitter meistens dabei oder in der Nähe. Ohne die Kids unterwegs war ich das erste Mal, als die Kleine fast drei Jahre alt war.

Hast du bei deiner Rückkehr in den Beruf noch gestillt? Wenn ja, hast du Stillzeiten nach §7 MuSchG in Anspruch genommen? Wie lange? Wie war die Reaktion darauf?*
Da ich entweder von zu Hause aus gearbeitet habe oder die Kinder mitnehmen konnte, konnte ich so lange und so oft stillen, wie es für uns alle gut war.

Wie hast du die Betreuung organisiert?

Nachts – ich selbst:
Ich habe anfangs viel nachts gearbeitet. Bin abends mit den Kindern eingeschlafen und dann so gegen zwei oder drei Uhr aufgewacht, habe ein paar Stunden gearbeitet und dann bis sieben oder acht nochmal geschlafen.

Oma:
Wir hatten einen festen Oma-Tag – das war wunderbar. Die Oma war von Geburt an ein Mal pro Woche bei uns und hat mich unterstützt. Das hat mir viel geholfen und Freiraum gegeben, zum Beispiel Seminare vorzubereiten oder Artikel zu recherchieren (Interviews konnte ich ja nicht nachts führen).

Mutter-Kind-Büro:
Später habe ich mit meiner wunderbaren Freundin und weltbesten Homöopathin Andra ein Mutter-Kind-Büro aufgemacht, wo wir die Kinder bei uns betreuen lassen wollten. Das ist aber an den Vorgaben des Jugendamtes gescheitert, so dass wir uns mehrmals pro Woche bei ihr oder bei mir getroffen haben, seltener im Büro. So hat immer eine von uns die Kinder gehabt und die andere gearbeitet – meistens sehr flexibel, je nachdem, was wir und die Kinder brauchten. Ein wunderbares Mütterteam!

Kita:
Später war dann der Große in der Kita (ab etwa 2,5 Jahren) und die Kleine ist ebenfalls seit sie 2,5 Jahre alt ist drei Mal pro Woche 3 Stunden in einer Bauernhofkita. Ansonsten nehmen Vater und Großeltern die Kinder immer mal wieder, besonders, wenn ich mehr als einen Tag unterwegs bin, um z.B. Seminare zu geben.

Wie habt ihr Euch als Eltern die Arbeit aufgeteilt? Wer macht was und wann, wie verständigt ihr euch über die Aufteilung?

Ich bin mittlerweile alleinerziehend – und war es eigentlich mehr oder weniger auch schon immer.

Heißt: Ich stehe mit den Kindern auf, mache sie Kita-fertig, bringe sie beide weg (bzw. die Kleine 3x pro Woche), arbeite dann in den 3x drei Stunden soviel, wie es nur geht, hole dann die Kleine ab, koche Mittagessen, hole dann den Großen, organisiere den Nachmittag (Musikunterricht, Waldzeit, Freunde besuchen, trösten, Fahrräder flicken, Bücher vorlesen, Pizza backen, Kräuter sammeln…). Abends bringe ich die Kinder ins Bett. Entweder arbeite ich danach noch etwas oder ich schlafe mit ihnen ein und stehe nachts auf – oder ich schlafe mit ein und schlafe durch.

Glücklicherweise kann ich sehr konsequent und konzentriert arbeiten, sobald ich die Möglichkeit habe. Ich brauche keine Anlaufzeit, sobald die Kids aus dem Haus sind, sitze ich am Rechner und ab gehts :).

Wenn ich unterwegs sein muss, kann das z.B. so aussehen:

Ich steige um 10 Uhr in Bonn in den Zug und fahre mit den Kids nach Berlin, um 17 Uhr gebe ich die Kinder in Berlin beim Vater ab, noch am selben Abend steige ich ein Flugzeug in die Schweiz, gebe 2 Tage lang einen Kurs, steige dann in einen Zug, fahre einige Stunden lang und arbeite an einem Artikel oder Buch, steige in Stuttgart aus, halte in Baden-Württemberg einen Vortrag, schlafe, steige am nächsten Tag in einen anderen Zug, arbeite wieder acht Stunden im Zug, komme abends in Berlin an, gehe schlafen, arbeite morgens zwischen sechs und acht noch zwei Stunden nehme dann um zehn morgens die Kinder wieder in Empfang und fahre direkt die 6 Stunden zurück nach Bonn.

Wenn ich Kurse gebe, vor allem Artgerecht-Kurse, oder Camps, dann sind meine Kinder wie die Kinder der Teilnehmer oft auch dabei.

Wie hat es geklappt? Was sind deine Erfahrungen?

Ich bin sehr dankbar, dass ich einen Job habe, den ich sehr liebe, der mir großen Spass macht, der mich mit sehr viel Zufriedenheit erfüllt und den ich fast kompromisslos an unsere Bedürfnisse anpassen konnte.

Ich arbeite mit Menschen zusammen, die ich mir aussuchen konnte, die ich sehr schätze und mag, die ich bewundere und mit denen ich viel lernen kann – ein Traum.

Gleichzeitig hat das alles auch seinen Preis:
Wenn ich Termine einzuhalten habe, arbeite ich oft viele Nächte lang. Aber nachts arbeiten ist auf Dauer keine Lösung (auch wenn es großen Spass macht ;)), und ich komme oft mit den ganzen E-Mails und Anfragen fürs Projekt nicht zügig genug hinterher, weil die kurze Betreuung der Kleinen mir zu wenig Zeit lässt, um das zu leisten, was das Projekt eigentlich bräuchte. Gleichzeitig lerne ich so, die Dinge langsam wachsen zu lassen, eben in dem Tempo, in dem wir auch wachsen.

Nach sechs Jahren auf Hochleistung sehne ich mich manchmal nach freien Wochenenden, Nächten ohne To-Do-Listen im Kopf und Ferien. Gleichzeitig weiß ich, dass ich grundsätzlich viel für die Kinder da sein will – es ist ja nicht mehr so lange! Ich versuche daher weiterhin, einen für uns alle guten Mittelweg zu finden.

Was würdest du dir wünschen, was anders/besser laufen sollte? Von wem?

Es wäre perfekt, wenn ich weder essen noch schlafen müsste, was ich da für Zeit sparen würde, ich könnte die Welt aus den Angeln heben! 😉
Im Ernst: Aus Artgerecht-Sicht brauchen wir auf jeden Fall mehr artgerechte Betreuungsmöglichkeiten, als da wären:

– Mutter-Kind-Büros, die vom Jugendamt gefördert werden
– Unterstützung (und Verständnis) für Mütter, die zwar arbeiten wollen, ihre Kinder aber nicht weggeben wollen
– mehr Gemeinschaftsleben, Wohngemeinschaften, Mehrgenerationenwohnen, aktive Dörfer etc.
– mehr günstigen Raum (also auch: Miet-Raum) für Menschen, die in Gemeinschaften leben oder arbeiten wollen, denn da ist vor allem artgerechte Betreuung möglich
– weniger leistungs- und funktionsorientiertes Leben

aber vor allem:

– Mut, die Umstände an uns und unsere Kinder anzupassen statt umgekehrt.

Danke ans Vereinbarkeitsblog für eure liebe Mail dazu!

6 Gedanken zu „#Vereinbarkeitsgeschichten: Mein Nach-Beitrag zur Blogparade

  1. Uff. Jetzt bin ich platt. Ich könnte so weder leben noch arbeiten und bin sehr dankbar, dass ich z.B. meinen Mann an meiner Seite habe, mit dem ich Haushalt und Kinderversorgung wirklich gemeinsam mache.
    Ich staune, dass du bei dieser Lebens- und Arbeitsweise finanziell über die Runden kommst. Vielleicht habe ich da auch eine sehr spezielle Sicht auf die Dinge, weil ich seit Jahren die Hauptverdienerin in der Familie bin (und wir dabei alles andere als reiche Leute sind). – Da könnte ich die Unsicherheiten einer freiberuflichen Tätigkeit nicht aushalten. Aber alleinerziehend und freiberuflich, das wäre für mich ein Alptraum.
    Meine allergrößte Hochachtung dafür wie du das durchziehst. Dass das an die Substanz geht, ist ja offenkundig. Ich hoffe, du gehst dabei nicht kaputt. Denn dieser Preis wäre auch nicht artgerecht. Bald kommt dein Großer zur Schule, bald ist die Kleine groß genug, auch etwas länger in den Kindergarten gehen zu können. Das schafft dir Freiräume, um deine Arbeit tagsüber machen zu können. Andererseits ist es natürlich auch eine enorme Einschränkung, wenn du den Großen dann nicht mehr irgendwo mir hin nehmen oder beim Vater abgeben kannst, weil er zur Schule muss. Ich wünsche dir sehr, dass du auch dafür eine Lösung findest, die für euch alle gut ist.

  2. Liebe Nicola,

    ich habe nach wie vor absolute Hochachtung vor Deinem Tagesablauf und bewundere Deine Stärke und Resilienz. Ich persönlich bin in einer ähnlichen Lage, merke aber immer wieder wie ich an meine Grenzen stoße. Ich habe mich für eine berufsbegleitende Ausbildung zur Erzieherin entschieden und wuppe nun 2 Kinder (6 und 2), zwei volle Tage Schule und drei Tage Arbeit in der Kita (je 7 Stunden), am Wochenende und nachts lernen usw… Mein Mann arbeitet in 3 Schichten im wöchentlichen Wechsel und wir sehen uns an den Wochentagen nur kurz. Mein großer Sohn ist jetzt zur Schule gekommen – leider nicht in unsere Wunschschule (eigentlich wollte ich am liebsten gar keine) – und dies belastet die Situation noch zusätzlich. Manchmal wünschte ich mir sehr, auszuwandern (in ein Freilerner-Land ;o)) und alles hinter mir zu lassen… aber wir haben auch Oma und Opa um die Ecke und die sind Gold wert, springen oft kurzfristig ein usw…
    Leider ist auch die Arbeit in der Kita nicht das Wahre, täglich stoße ich hier an meine Grenzen weil ich die (pädagogischen) Ansichten meiner Kollegen einfach nicht teile und viel aushalten muss, bzw ständig erklären und rechtfertigen muss usw…
    Aber um weiterzukommen muss ich noch knapp 2 Jahre durchhalten. Ich hoffe dass auch ich die nötige Kraft dafür weiterhin aufbringen kann.

    Fazit: Solange man voll und ganz mit jeder Faser hinter einer Sache steht,entwickelt man ungeahnte Kräfte.

    Ich wünsche Dir von ganzem Herzen alles Gute und weiterhin tolle Projekte, die diese Kräfte in Dir wachhalten.

    Auf Dein Buch freue ich mich sehr. Habe es soeben direkt bestellt.

    Viele Grüße,

    Livia

  3. Liebe liebe Nicola,
    hab vielen Dank für Deinen tollen Beitrag! Endlich mal eine Mama, bei der die Berufstätigkeit nicht auf Fremdbetreuung aufbaut!
    Und es zeigt, was man leisten kann, wenn man etwas liebt.
    Ich finde mich in vielem wieder, meine Arbeitszeiten sind ähnlich (sh Uhrzeit;)), und ja doch, anstrengend ist das nach. 7 jahren schon, obwohl ich einen Mann dazu habe (und ein Baby mehr).
    In diesem Sinne, ja, wir brauchen mehr von allem, was du schreibst , und auch mehr Freilernerdörfer 🙂 (wink zu Livia). Nicht immer nur mehr Fremdbetreuung. Und ja, mehr Mut, die Dinge zu verändern!
    Dein Buchtitel passt, und ich freue mich schob drauf. Wenn ich es nachts lese und rezensiere, denke ich an Dich 🙂
    Lieben Gruss
    Lena

  4. Liebe Nicola,

    wow! Ich bin platt, dass klingt für mich nach Superwoman!
    Ich möchte eine Möglichkeit ergänzen, die meiner Meinung nach in’s artgerecht Konzept passt und somit auch bindungsorientiert ist: Tagesmütter. So kann man den Kindern eine stabile Bindungsperson zur Seite stellen, auch wenn man z.B. nicht auf Familie zurückgreifen kann. Das wird sehr oft vom Jugendamt bezuschusst und in Rh-Pf mittlerweile sogar, wenn man nicht arbeiten geht. Außerdem gibt es immer wieder Tagesmütter (oder natürlich auch -väter), die nach Hause kommen.

    Lg
    Sandra

  5. Hallo,

    interessante und informative Beiträge hier, super. Habe längere Zeit als stiller Gast nur mitgelesen und mich jetzt mal angemeldet.
    Ich würde mich freuen, wenn ihr bei Gelegenheit auch einmal auf meinem Blog zum Thema Textilreinigung vorbeischauen würdet.

    Alles Liebe

    Herbert

    Ketchupflecken

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