Jesper Juul – "Wütende Kinder"

Am 29. Februar 2012 hielt Jesper Juul, der dänische Lehrer, Gruppen- /Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor, im Herzen von Berlin vor ausverkaufter Kulisse des Kinos Babylon seinen Vortrag:

Aggression – Ein neues und gefährliches Tabu

Folgende Abfassung beruht auf meinen Notizen und meiner Erinnerung…
(Zitatblöcke stellen seine Vortragsfolien dar.)

EDIT: Ich habe versucht nach besten Wissen und Gewissen sowie im Originalwortlaut Juuls Vortrag wiederzugeben.

Jesper Juul wurde erstmals vor 12-13 Jahren in einem Kinderdorf in Südtirol mit diesem Thema konfrontiert. Es wurden ihm Kinder mit „Aggressionsproblemen“ vorgestellt. Es gab über diese Kinder zum Teil verschiedenste Expertenmeinungen, warum sie aggressiv reagieren. Ihn interessierte nur: „Hat jemand die Kinder gefragt, warum sie wütend sind?“ Das war bisher nicht geschehen.

In unserer Gesellschaft ist Aggressivität bei Kindern nicht erlaubt. In einer Studie mit 3- bis 6jährigen Kindergartenkindern wurden erstmals die Kinder selbst nach ihrem Wohlbefinden mittels einer Smiley-Skala befragt. Das Ergebnis war: 20% der Jungen und 10% der Mädchen ging es schlecht. Die Erzieher schätzten die Lage der Kinder genauso ein.

Wir wollen keine Gewalt.

Ursprüngliche „natürliche“ Grundgefühle
• Angst
• Aggression
• Trauer
• Sexualität
• Liebe

Grundgefühle der Kinder sind eingeschränkt. Aggression und Sexualität sind bei Kindern nicht erlaubt.
Das ist viel mehr als eine unglückliche Tendenz. Diese Vernachlässigung bedeutet, dass es Kindern nicht erlaubt ist so zu sein, wie sie sind.
Grundgefühle sind unheimlich wichtig für Menschen, besonders für Beziehungen. Man kann Gefühle nicht verstecken.
Doch das fordern wir:

  • Du darfst wütend sein, aber nicht schlagen.
  • Du darfst traurig sein, aber bitte hör damit auf.
  • Du darfst lieben, aber sei kontrolliert.

Wir sind zurück bei der Bürgerlichkeit. Immer nett und höflich, dann geht alles. Eltern spielen Rollenspiele wie Teletubbies. Das ist sehr schwierig für Kinder.

Wir behandeln Kinder mit Wutanfällen wie ein Virus.
„Aber sei bitte nett mein Kind.“

Ohne freien Zugang zur Aggression wären wir nicht in der Lage:
• zu verführen, zu gutem Sex, Kinder zu zeugen
• unsere Ziele zu formulieren und zu verfolgen
• zu konkurrieren
• Grenzen zu setzen, unsere eigene Integrität zu wahren
• uns und unsere Lieben zu verteidigen
• alternative Schulen und Lebensweisen zu schaffen

Alle 2jährigen Kinder beißen. Das ist normal. Woher kommt die Hysterie?
Die Logik ist falsch. Es ist nicht so, dass Aggression sich zu Gewalt entwickelt. Es ist ganz anders!
2- bis 3jährige hauen und schlagen. Mütter säuseln und reden in der dritten Person. Sie sind süße Eltern. Kinder werden davon wahnsinnig.

Was sollen wir machen?
Wir sollen sagen, was wir wollen!

RICHTIG oder FALSCH?
Aggression ⇒ Gewalt ⇒ Krieg

Kinder im Kindergarten haben keinen Freiraum. Sie werden wie Hühner und Schweine zusammengepfercht. Was machen diese? Sie fangen an zu hacken.
Waldkindergartenkindern geht es sehr viel besser. Sie werden nicht ständig überwacht von Erziehern, es gibt Rückzugsmöglichkeiten, sie können alles machen. Kämpfen, raufen, spielen Krieg.

Aggressivität braucht wie andere Grundgefühle eine Kindheit lang, bis man sie konstruktiv verwenden kann.
Entwicklungspsychologisch ist es falsch zu sagen, dass man nur reden darf, um Konflikte zu lösen. Kinder schaffen es nicht.

Die existenziellen Wurzeln der Aggression
Alle Menschen jeder Kultur möchten sich wertvoll fühlen.
Loyalität zu Nahestehenden
Kooperation

Das ist universell. Dennoch haben alle Kulturen ihre speziellen Traditionen und Vorstellungen.

Blockierter, dysfunktionaler zwischenmenschlicher Prozess
⇒ sich weniger wertgeschätzt fühlen
⇒ Reizbarkeit, Irritation, Frustration, Zorn, Wut, Hass, selbstzerstörerisches Verhalten, psychosomatische Symptome = unterdrückte Symptome

Je weniger ich wahrgenommen werde mit meiner Frustration, desto lauter werde ich, unter Umständen auch mit physikalischer Gewalt.
Mädchen sind zufriedener im Kindergarten als Jungen. Aber sie sind später häufiger in psychiatrischen Einrichtungen zu finden.

Wenn ich einen Verlust des Selbstwertgefühls spüre, dann ist es wahr. Ich mache etwas mit diesem Gefühl.

Immer mehr Kinder haben mehr Wutanfälle.

Wir müssen fragen und schauen, was sie wütend macht.

Früher galt: Frauen und Kinder sollte man nicht hören, nicht sehen.
Junge Mütter machen weiter wie Großmütter.

Juuls Vorschlag:

Betrachten Sie gewaltsames Verhalten als Einladung.

„Hallo, mir geht es nicht gut! Könnte bitte jemand in meiner Realität vorbeikommen und mir helfen herauszufinden, was ich machen soll?“

Ein aggressiver/gewaltsamer Erwachsener ist eigentlich ein Kind, das reifen muss.

Ein Beispiel: Erzieherin sagte zu einem 4jährigen Mädchen: „Wütenden Kinder geht’s nicht gut. Wie geht es Dir?“ Das Mädchen sagte: „Danke.“ Und wurde ruhiger und fühlte sich verstanden.

Eltern fragen sich: Was machen wir falsch? Kinder ab 2 Jahren wissen das.

Angemessenes – erwachsenes Verhalten
• Interesse
• Neugierde
• Anerkennung
• Dialog
• persönliche Rückmeldung (Feedback)
Hilft Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine persönliche Sprache zu entwickeln.

Warum können wir Kindern die Aggressionen nicht zugestehen? Kinder vergeben 90% unserer Fehler.

Mach andere Menschen nicht falsch!
Wenn man nicht aggressiv sein darf, macht das unheimlich wütend.
Nicht analysieren/psychologisieren, sondern reden. Es gibt immer eine Antwort.

Moralische Sichtweise oder existenziell?
Wir haben die Wahl!

Juul empfiehlt die existenzielle.
Wir haben die Wahl, wie wir Kindern begegnen.

Das große Geheimnis des Dialogs: Man muss sich frei machen von seinen Vorstellungen.
Sehr wichtig: Wir müssen uns interessieren.
Sonst: „Man merkt die Absicht und ist verstimmt.“ Goethe.

Ein Beispiel: 9jähriger Junge klaut. Das ist genauso nicht erwünscht. Stets wurde er analysiert. Es gab fast 30 Expertenmeinungen zu ihm. ABER WER IST ER? Nach dieser Frage direkt an ihn gewandt erzählte er offen lange seine Lebensgeschichte.

Über 30 Jahre galt: „Kinder wollen Aufmerksamkeit.“
Juul: Nein, sie wollen gesehen werden. Wie geht es ihnen? „Kann ich Dir helfen?“

Warum streiten sich Geschwisterkinder?
Das haben sie schon immer gemacht. Freunde werden sie erst nach 12-13 Jahren. Täglich erkämpfen sie sich ihre Hierarchie/ihren Platz in der Familie und wollen lernen sich zu behaupten.

Eltern wollen Harmonie. Dann sollen sie sich 2 Hunde kaufen.

Wann sollen sie eingreifen? Nie!
Man muss nicht intervenieren. Kinder brauchen 5000 Konflikte zum Lernen, bis sie das lösen können.

Wir müssen es nicht aushalten. Es sagen und dann weggehen.
Wir können nicht verantwortlich sein für die Konflikte unter den Geschwisterkindern.

Generell: Nehmt Kindern nicht die Vitalität weg!

Es gibt keine Wissenschaftler und Forschungen, die gegen Aggressionen sind.

Fragen aus dem Publikum:

„Juuls Ansichten in der Schule vermitteln?“

Ja. Allgemeine Lebenskompetenzen vermitteln.
Eltern vermitteln Kompetenzen und sind die eigentlichen Vorbilder. Im Alltag geht es oft kaum, sie gehen Arbeiten.
Eltern sind per definitionem wahnsinnig/irrational. Das ist gut so.

Antimobbing-Programme fördern Mobbing.
Mobbing häufiger in der Schule, wo die Schulführung schlecht ist.

„Umgang mit chronisch kranken Kindern?“

Oft wütende, aggressive Kinder, die nicht/keine medizinischen Behandlungen über sich ergehen lassen wollen. Man findet das Gleiche auch bei den Alten im Altersheim, die wütend und frustriert reagieren. Sie fühlen sich oft als Objekt/“Stückgut“.

Die Wut besteht überwiegend darin: „Warum bin ich krank?!“
„Sie [Kinder] vergessen nicht sich zu spritzen. Sie wollen es nur nicht. Mit jeder Spritze werden sie erinnert, dass sie krank sind.“
Das Erlebnis Patient zu sein ist für die meisten Menschen sehr unangenehm.“
Warum können wir das nicht den Kindern zugestehen?

Wie gehen wir mit den kranken Kindern am besten um? Persönlicher Dialog!

Gemeinsam Lösungen finden; zum Beispiel:
• Lieblingsärzte/-therapeuten?
• angenehmen Ablauf finden
• Kind Zeit zum Ankommen im Krankenhaus geben
• über unangenehm gewesene Erlebnisse sprechen und daraus Verbesserungen suchen

Jesper Juul will irgendwann noch ein Buch über Aggression schreiben.

Mal schauen, wann es kommt!

Mein persönliches grobes Fazit:
Gesteht den Kindern die Aggressionen zu und fragt sie direkt, wie es ihnen geht warum sie wütend/frustriert sind!

12 Gedanken zu „Jesper Juul – "Wütende Kinder"

  1. Tolle Zusammenfassung, danke, Christina!

    Das mit dem Fragen ist ja manchmal so eine Sache. Selbst wir („wir“ in dem Fall = erwachsene Frauen) können nicht immer sagen, wieso wir eigentlich so knatterwütend sind. Kleine Kinder, und kleine Kerle ganz besonders, können das wahrscheinlich noch nicht wirklich beantworten. Die sagen dann „Ich bin wütend, weil das Auto vom Franz toller ist als meins“ oder so, aber ich Wirklichkeit ist was ganz anderes dahinter.
    Ich glaube, das Fragen kann nicht immer auf der verbalen Ebene stattfinden – oder zumindest das Antworten nicht.
    Außerdem muss man es vielleicht gar nicht immer rausfinden. 🙂

  2. „Kinder im Kindergarten haben keinen Freiraum. Sie werden wie Hühner und Schweine zusammengepfercht. Was machen diese? Sie fangen an zu hacken.“

    Das waren ja mal glatte Null Punkte!
    Welches Bild von Kindergärten haben Sie denn?
    Es gibt sehr wohl Kigas, in denen die Kinder sich wohlfühlen und gern hingehen.

    Wenn Sie schon freundlicherweise hier mitschreiben dürfen, unterlassen
    Sie doch bitte solche Polemik.
    Danke.

    Michi aus DD

    1. Vielen Dank für Ihr kritisches Kommentar.

      Ich habe nach besten Wissen und Gewissen versucht Juuls Vortrag wiederzugeben.
      Und der von Ihnen zitierte Abschnitt ist so ziemlich genau der Originalton von Juul. Ich habe nichts schärfer dargestellt, als er gesagt hat.
      Wer Juul gelesen hat, der weiß, dass er kein großer Fan von Ganztagesbetreuungseinrichtungen ist. Zum Wohlbefinden der Kinder berief er sich auf Studien. Ich kann mir vorstellen, dass es Studien im Rahmen der unicef-Berichte zur Lage der Kinder sind. Der für Deutschland 2011/2012 ist übrigens sehr lesenswert – http://www.unicef.de/presse/2011/unicef-bericht-kinder-in-deutschland/ .

      Ich denke, man sollte nichts persönlich nehmen und klar, kann man nicht alle KiTas über einen Kammm scheren. Doch jeder kann schauen, ob es seinem Kind gut geht, egal ob Zuhause oder in der KiTa und dann seine Schlüsse daraus ziehen.

      LG, Christina

    2. Ich habe noch ein interessantes Interview mit Juul entdeckt.
      Vielleicht wird dann deutlicher, was Juul mit dem „Zusammenpferchen“ meint:

      http://diepresse.com/home/bildung/erziehung/371186/Jesper-Juul_Kindererziehung-ist-fuer-manche-ein-Leistungssport

      „Wie wirkt sich denn die ständige Betreuung der Kinder durch Erwachsene aus?

      Juul: Die Kinder haben nicht mehr die paar Stunden am Tag, wo sie ohne Erwachsene sein können. Das geht noch in einem Dorf, aber nicht in Wien. Die Kinder werden immer von Erwachsenen betreut und beobachtet. Das ist ein sehr großer Verlust. Die soziale Kompetenz haben wir früher miteinander und ohne Erwachsene entwickelt. Wenn meine Mutter gesehen hätte, was wir so getrieben haben! Das war nicht immer schön, aber wir haben viel davon gelernt. Heute will zum Beispiel niemand Aggressionen haben. Das verbindet man mit Gewalt. So ist es aber nicht.
      Unsere Welt für Kinder wird enger und enger. Paradoxerweise reden wir aber die ganze Zeit darüber, dass die Kinder Grenzen brauchen. Skandinavische Kinder verbringen zwischen dem Alter von eins und 15 ganze 25.000 Stunden in pädagogischen Einrichtungen. Sechs sieben Stunden jeden Tag mit Erwachsenen und Kindern, die sie sich nicht aussuchen können. Es ist eigentlich erstaunlich, dass so viele Kinder das mitmachen.“

    3. wenn ich das richtig verstanden habe, hat christina lediglich zitiert. dann müssen sie sich schon direkt an den herrn juul wenden, wenn sie sich persönlich angegriffen fühlen bei dieser aussage. ich denke auch, dass nicht alle kigas gemeint sind. um so weniger freiraum eine kita bietet, umso größer ist die wahrscheinlichkeit, dass kinder sich unwohl fühlen. es sollte doch mehr „farben“ geben als nur schwarz und weiß 😉

  3. Mit der Kita sehe ich den Kommentar auch sehr kritisch.
    Wir leben hier auch mit „Windelfrei“/“Tragen“/“Stillen“/ usw.
    trotzdem sind beide Kinder schon als Baby in die Krippe gekommen.
    1. Natürlich gibt es Krippen, die sind sehr eng. Es gibt aber auch Wohnungen, die sind sehr eng und haben auch keinen Spielplatz vor der Tür. Und die meiste Arbeit gibt es leider nicht da, wo es auch am meisten Wohnungen/Häuser mit großen Gärten gibt…
    2. Es ist ja nicht die Frage, welche Beziehung hat das Kind zur Erzieherin, sondern welche Beziehung hat die Mutter/Vater zur Erzieherin. Die Omas und Tanten wohnen weit weg. Also sind die Erzieherinnen auch mein „Ersatz“. Denn ohne Essen und Unterkunft hilft alles Luft und Liebe meinen Kindern auch nichts…
    Meine Söhne haben emotional eine Bindung zu ihren Erzieherinnen, wie zu ihren Omas. Und ich denke, dass habe ich ihnen auch vorgelebt.

    Man sollte die Masse der Erzieher und Erzieherinnen nicht unterschätzen, sie leisten jeden Tag große Emotionale Arbeit, auch wenn man diese nicht sehen kann.

  4. Hallo allerseits,

    Vielen Dankfür die Zusammenfassung, für mich bleibt jedoch bei aller Zustimmung Aggression anders zu bewerten, noch die Frage: was ist mit dem Opfer? Es soll nicht eingeschritten werden, wenn ein kKind einem anderem gegenüber gewaltsam auftritt, z. b. Aus wut darüber, dass es seine Dinge berührt ins Gesicht schlägt und tritt. Nicht einschreiten, die kinder machen lassen, das ist doch sicher nicht der Plan, oder habe ich was falsch verstanden? Wie soll dem Opfer denn der unerwartete Gewaltübergriff erklärt werden?

    Danke für Hinweise!

  5. Meine Tochter hat zur Zeit sehr starke Aggressionen.
    Ich könnte damit noch leben, aber die Lautstärke veranlasst die Nachbarn nach dem Rechten zu sehen: „Das (= Geschrei, Toben, Schreien) muss weggehen!“
    Aggressionen sind ein Tabu geworden, dabei gehören sie auch zum Leben dazu, genau wie Freude, Liebe , aber auch Trauer, Angst, Enttäuschung.

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