Babys: Laufen mit 9 Monaten?

Immer wieder höre und lese ich, dass Babys „in Afrika“ viel früher laufen als in Europa oder den USA. Aber wo genau? Und wie kommt das? Bisher konnte mir niemand etwas dazu sagen. Jetzt habe ich endlich eine Spur.

In meinem neuen Buch „Hunter-Gatherer Childhoods“ gibt es einen Aufsatz von Akira Tadara über Mutter-Kind-Verhalten bei den !Xun (einer Untergruppe der !Kung San).

Sie berichtet dabei von den Ju/’hoan und einer speziellen Gymnastik, die sie mit den Babys machen: Sie halten sie schon wenige Wochen nach der Geburt mehrmals täglich unter den Armen auf dem Schoß und lassen sie dort stehen oder auf und ab springen. Es soll die Babys beruhigen und erfreuen. Tadara schreibt, dass durch dieses „Training“ der Schreit-Reflex nicht verschwindet und die Kinder früher laufen lernen.

Bei uns heißt es immer, der Reflex würde mit ca. 3 Monaten einfach komplett verschwinden. Das stimmt offenbar nicht. Wenn man die Kinder „trainiert“, bleibt der Reflex erhalten. Die Forscher gehen davon aus, dass das Tragen und Trainieren der Kinder zu einer früheren Neuromotorischen Entwicklung führt (sie zitiert hierfür Konnor 1976). Möglicherweise ist das deshalb so wichtig, so mutmaßt Tadara, weil Kinder eines nomadischen Volkes eben getragen werden müssen und daher früher laufen lernen sollen (Seite 290).

Die Ju/’hoan selbst gehen davon aus, dass ein Kind nicht von sich aus Krabbeln, Sitzen und Laufen lernt, sondern dass man dafür etwas tun muss. Sonst bleiben die Knochen „weich“, so sagen sie. Bei uns ist es genau umgekehrt: Man soll die Kinder nicht zu früh hinstellen, weil die weichen Knochen das noch nicht schaffen, habe ich oft gehört. Bei uns heißt es außerdem, man könne die motorische Entwicklung nicht beschleunigen. Kann man offenbar doch. Die Kinder sind nicht einfach so schneller, sondern es liegt am Training, resümiert auch diese Studie aus Kenya.

Das Schlagwort ist offensichtlich „‘African Infant Precocity“ – die „Frühreife afrikanischer Babys“. Wenn man danach sucht, findet man reichlich Artikel und Studien. (Den hier fand ich spannend, weil er mal „von innen“ beschreibt, warum diese Frühreife offenbar mit zwei Jahren stagniert und dann westliche Kinder überholen.) Wer sich ausführlich damit beschäftigen will, ein ausführlicher, spannender Artikel steht hier.

Mein Eindruck insgesamt: Klingt ein bisschen wie die Debatte ums Sauberwerden. Westeuropa sagt: Geht von alleine – und dann dauert das Sauberwerden eben länger. Und Afrika sagt: Muss man früh trainieren – und dann geht’s mit dem Trockensein eben schneller.

Hm. Ist es beim Laufen genau so?

15 Gedanken zu „Babys: Laufen mit 9 Monaten?

  1. „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ sagt ein altes indianisches Sprichwort. Ich bin dafür, den Babys ihre Zeit zu geben, um sich in ihrem Tempo zu entwickeln. Welches Interesse sollte ich daran haben, dass mein Kind früher laufen kann? Das geht mir zu sehr in Richtung fremdbestimmt sein.

  2. ich hab hier ein Beispiel für so nen Frühstarter zu Hause…

    Der Grosse krabbelte und sass mit 5 Monaten, stand einen Monat später auf und schob alles durch die Wohnung und mit knapp 9 Monaten ging er frei.

    Ich denke aber, das das nix mit Training zu tun hat, obwohl beide Jungs extrem gern und früh hüpfend auf ihren Beinen standen (gestützt selbstverständlich).

    Auch der Kleine macht jetzt schon (4 1/2Mt.) die ersten Krabbelversuche.
    Beide lieben/liebten die Bauchlage und sind Bauchschläfer. Auch wurden/werden sie sehr viel getragen.

    Ich hab mir oft gewünscht, länger ein „Baby“ zu haben. Stattdessen bin ich meinem 10 Monate alten Sohn im Geschäft hinterher gejagt und musste die Wohnung ständig neu sichern, weil sich der Aktionsradius so rasend erweiterte…

    Scheint aber wohl bei uns so zu sein. Überlege jetzt schon wieder, wie ich die Blumenerde bei den Zimmerpflanzen sichere :o)

    In unseren beiden Familien gibts einige motorische Frühstarter. Hat wohl eher was mit Veranlagung zu tun, denke ich.

  3. Ich muss ja zugeben, dass die Information, dass man Babys nicht zu früh hinstellen und hinsetzen soll, irgendwie an mir vorbeigegangen war. Mein nun 11monatiger Sohn hat schon als er einen Monat war gerne auf meinem Schoß gestanden und ist gehüpft. Mit drei Monaten wollte er gerne sitzen, Mit 5 konnte er das dann alleine. Als er mit sechs Monaten anfing zu krabbeln, hat er auch gleich angefangen, sich überall hochzuziehen und das aufstehen zu üben. Mit acht Monaten begann die „Stühle durch die Küche schieben“-Phase. Und seit einer Woche macht er erst Schritte. Er scheint eher der Typ des wiederholten Übens zu sein. Es soll ja Kinder geben, die dann irgendwann einfach plötzlich quer durchs Zimmer laufen. Sein 19 Monate alter Cousin hält noch gar nichts vom Laufen. Er ist ein Po-Rutscher („bum schuffler“ nennen sie das hier in Nord-Irland). Ich denke das Tragen auf jeden fall dem frühen Laufen zuträglich ist, das es das Gleichgewichtsgefühl trainiert und den Körpertonus stärkt. Wenn man den kleinen Po-Rutscher z.B. auf den Arm nimmt, hängt er da wie ein Kartoffelsack und ist relativ schwierig zu halten. Dagegen hat mein Sohn schon relativ früh im Prinzip sich alleine aufrecht und die Balance haltend auf meinem Arm gesessen. Aber wer weiß, vielleicht ist es ja tatsächlich Veranlagung.
    In Afrika laufen die Kinder aber tatsächlich früher. Sie scheinen direkt vom Getragen werden zum Laufen überzugehen. Ich kann mich nicht erinnern, viele Krabbelkinder gesehen zu haben. Übrigens ist der Grund für das Ende der Tragezeit meist die Ankunft des nächsten Kindes. Dies führt häufig zu einem gespannten Verhältnis zwischen den Geschwistern, die ihr jüngeres Geschwisterkind als denjenigen der sie vom Rücken der Mutter verdrängt hat bezeichnen, erzählte mir eine niederländische Ärztin die seit 20 Jahren im Congo arbeitet.

  4. Ja spannende Frage!
    Unser Kleiner wurde ja auch nur getragen, war auch Bauchschläfer und lag viel und gerne auf dem Bauch, fing aber erst mit 10 Monaten an zu krabbeln (was ich zu dem Zeitpunkt auch sehnlichst erwartete), und mit 13 Monaten zu laufen. Auch hatten wir uns nicht wirklich daran gehalten ihn alles selbst machen zu lassen. Er fand es so toll zu sitzen… Im Nachhinein hatte ich aber oft ein schlechtes Gewissen und Angst, dass es seinem weichen Körper geschadet haben könnte.

    Einer der Links funktioniert übrigens nicht. Unter: Spannender Artikel steht „hier“. Würde mir den Text gerne mal durchlesen.

  5. Total o.t.:

    Liebe Nicola,
    wollte einfach mal sagen, dass du mich sehr inspirierst – ich passe zwar mit meinem Co-Sleeping-langzeitstillendem-Tragling, der aber www trägt und nen Schnuller hat, nicht ganz zum „Goldstandard“ von Artgerecht ;-), bin aber trotzdem gerne hier und lass mich zum Nachdenken anregen, unterhalten und aufklären.

    Viele liebe Grüße von Kathrin mit Levi und Joah
    (wir „kennen“ uns von Ausbildungsseminaren bei der AFS)

  6. Die Sache mit den Knochen, die noch zu weich sind zum Stehen, erinnert mich sehr an mein Krafttraining. Die Philosophie dahinter ist, dass gekräftigte Muskeln stärker an den Knochen ziehen. Dadurch erleben diese einen Widerstand und werden fester und dichter (soll sogar Osteoporose reduzieren können). Wenn das stimmt, dann würde das auch die Säuglingsfrage erklären: durch das Hüpfen auf dem Schoß wird in Sprunggelenk, Unterschenkeln und vermutlich auch Oberschenkeln die Muskulatur trainiert, was wiederum die Knochen festigt. Und so haben diese Kinder dann festere Knochen, als solche, die nicht so viel gehüpft sind und also auch nicht so gut ausgebildete Beinmuskeln haben.
    Ich kann das jetzt nicht mit irgendwas belegen und hab auch keine Studien dazu gesucht. Aber dieser Gedanke kam mir beim Lesen gerade.

  7. Ich würde untertreiben wenn ich sagen würde wir haben viel getragen. mein Sohn wurde nur getragen bis zu dem Zeitpunkt als er anfing zu robben. das war aber erst mit uns 8 Monaten. gelaufen ist er mit 14 monaten frei. er hat keinen entwicklungsschritt ausgelassen. wir haben ihn zu 100% selbst machen lassen,hauptsächlich aus psychologischer Sicht,denn wenn man etwas alleine schafft prägt es sich besser ein und es stärkt das Selbstwertgefühl. ich hab ihn nicht einmal hingesetzt.erst als er sich aus dem krabbeln selbst hinsetzte habe ich ihn von da an auch mal in einen hochstuhl gesetzt. Was mir aufgefallen ist ist die Sicherheit die er beim laufenlernen hatte.er ist sehr selten hingefallen und wenn dann auf seinen leider ungepolsterten hintern.ich hab bei so manch einem „trainierten“ Kind beobachtet,dass es total unsicher losrennt und immer wieder aneckt und sich dabei natürlich auch ziemlich Weh tut.das körpergefühl ist bestimmt ein anderes wenn sich die muskeln langsam und in der richtigen Reihenfolge entwickeln können.außerdem hat es meinen rücken geschont,da ich nicht ständig mit ihm an den Händen runden drehen musste.

  8. Ich finde den part mit den Knochen sehr sehr spannend. In der Trageberatung wird immer vermittelt, dass die Beinchen ab dem Kniegelenk frei sein sollen und nicht, wie manchmal angegeben, in der Trage verschwinden. Der Grund dafür sei, dass die Knochen noch weich sind, die Kinder die Füße meist auf dem Hüftgurt parken und so stetig druck auf die noch weichen Knochen ausgeübt wird.
    Klingt logisch!
    Andererseits wird einem auch immer vermittelt, besonders was die Hüftreife angeht, dass durch den leichten Druck den das Gelenk in der Pfanne auslöst, die Hüfte „schneller“ verknöchert und bei einem in Anhock-Spreiz-Haltung getragenen Baby eben auch noch im genau richtig vorgesehenen Winkel.

    Das widerspricht sich irgendwie… Leider ist mein Englisch nicht so toll. Hast du deutsche Artikel gefunden? Halt uns auf dem Laufenden bitte!! 🙂

  9. ich schmeiße mal Kinästhetik Infant Handling in die Runde. Dazu gibt es auch Studien von Emmi Pikler (ich meine jetzt nur die für die Bewegunsgentwicklung)

    Und ja, wenn ich mein Baby in seiner physiologischen Bewegungsentwicklung pflege, bewege, trage und unterstütze, dann kann es schneller gehen in der motorischen Entwicklung.

    Mein jüngster lief tatsächlich mit 10 Monaten.

  10. und auch noch mal hier:

    „Zur Kontrolle des Entwicklungstandes wird der Bayley III – der wohl meistverbreitete Entwicklungstest für Kinder im Alter von 0 bis 3,5 Jahre durchgeführt. Bei den bisherigen Erhebungen ergaben sich eklatante Unterschiede in der Abfolge, insbesondere der motorischen Entwicklung. Nso-Babys können fast ohne jede Unterstützung mit 3 Monaten sitzen, während deutsche Kinder das in diesem Alter in der Regel noch nicht können. Deutsche Babys können sich dagegen mit ca. vier Monaten leicht vom Rücken auf den Bauch drehen und umgekehrt, während Nso-Babys das selbst mit 6 Monaten noch nicht können.“

    http://nifbe.de/pages/das-institut/forschung/entwicklung…/projekte/lernen-gedaechtnis….php

  11. Erstaunlich! Unser Kleiner wollte ca nach 4 Wochen, immer wenn er auf meinem Schoß saß, und das tat er fast nur, stehen. So hielt ich ihn ständig und er „stand“, ist ja noch kein richtiges stehen. Viele sagten zu mir: „Oh, das ist nicht gut für die Wirbelsäure!“ oder „Babys wollen immer schon das, was sie noch nicht können und auch nicht dürfen“. Ich ließ den Kleinen trotzdem ständig mit meinen Händen gestützt stehen. Er hatte eine riesen Freude daran und beruhigte sich sogar dabei. Jetzt ist er ein halbes Jahr alt und ich kriege zu hören „das ist ja unnormal, der Kleine will immer hoch, und ist so weit entwickelt, das entspricht nicht der normalen Entwicklung“.
    Er hat sich im 4. Monat gedreht, im 5. fing er an zu robben und im 6. konnte er krabbeln und sitzen und zieht sich am liebsten an Gegenständen hoch um zu stehen.

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