Impfen oder nicht – vollkommen unmedizinische Gedanken

UPDATES am 30.01.2022, kursiv markiert
Gleich vorneweg: ich mache hier keine Impfdebatte auf. Das Thema ist so komplex, es gibt soviel Für und Wider, soviele Studien, Positionen, Interessen und viel zu viele Meinungen, dass ich nicht noch eine dazu packen will.

Etwas anderes bewegt mich gerade. Matthias Matting, ein sehr geschätzter Freund und Journalist, hat mir auf mein Facebook-Posting hin eine Seite des Robert-Koch-Institutes empfohlen, auf der zu den Argumenten gegen Impfungen Stellung bezogen wird. Es ist eine recht ausführliche Info mit ein paar Quellenangaben und sie beinhaltet wirklich die am häufigsten zu hörenden Thesen der Impfgegner.

Aber eines fehlt mir. Vielleicht liegt es daran, dass ich gerade das Buch des großen, ehrwürdigen Säuglingsforschers Daniel Stern über die „Lebenserfahrung des Säuglings“ lese, in der er beschreibt, wie differenziert Säuglinge schon in den ersten Tagen und Wochen ihre Umgebung wahrnehmen. Schmerz inklusive.

Oder vielleicht liegt es an Alice Miller „Die Revolte des Körpers“, in dem sie auf ihre Weise mit Hilfe von Schriftsteller-Biografien, eigenen Erfahrungen und Thesen darauf eingeht, was die Behandlung in der (frühen) Kindheit für Spuren hinterläßt und warum es wichtig ist, sagen zu dürfen: „Was meine Eltern da gemacht haben, war nicht okay“.

Vielleicht liegt es an Kommentaren in diesem Blog, in denen manche Leserinnen mich teilhaben lassen daran, dass sie sich wünschten, ihre Eltern hätte sie nicht schreien lassen, nicht zum alleine schlafen gezwungen, nicht in der Krippe zurückgelassen.

Woran es auch liegt, ich habe einen Gedanken zum Impfen, der vollkommen unmedizinisch ist. Der mir aber einfach nicht aus dem Kopf geht:

Warum fragen wir uns NIE, was es mit den Kindern macht? Warum fragt in der ganzen Diskussion nie jemand, wie es für einen kleinen Säugling y ist, wenn er so eine Impfnadel in den Arm, den Po, den Oberschenkel bekommt, ohne dass er sich wehren, mitentscheiden oder es verstehen kann? Warum fragt nie jemand, wie es für Kleinkinder ist, wenn sie Angst zeigen und dann von den Eltern festgehalten werden, damit der Arzt ihnen eine schmerzhafte Spritze verabreichen kann?

Ich höre schon die Argumente: Es ist wichtig, die merken das gar nicht, das haben sie gleich wieder vergessen. An dem „die“ höre ich schon, dass hier Menschen nicht über Menschen sprechen. Sondern über…naja: Babys halt. Babys sind nämlich noch keine Menschen. „Die“ kann man eben mit 6 Monaten viel leichter abstillen, „die“ müssen auch mal lernen, dass Mama jetzt aber weggeht, „die“ vergessen das ja gleich wieder.

Tun sie das? Wissen wir das? Meine letzte Impfung ist noch nicht so lange her und ich erinnere mich sehr deutlich. Und verflixt nochmal, das tat weh.

Was tun? Ich habe keine Ahnung. Ich selbst habe in den Monaten vor und nach der Geburt versucht, mir wirklich alles durchzulesen, was ich zum Thema Impfen kriegen konnte. Geholfen hat mir das Vaccine Book von Bob Sears, aber auch ich habe keine endgültige Antwort (UPDATE: Eine Twitter-Userin hat mich darauf hingewiesen, dass man das als Lesempfehlung für Familie Sears verstehen kann. Ich fand die Bücher aus Baby-Sicht damals sehr hilfreich, würde aber heute anfügen, dass vor allem Dr. Sears sehr kritisch zu sehen ist)

Außer: ich finde es indiskutabel, ein Kind beim Kinderarzt mit Gewalt festzuhalten, damit es eine Spritze bekommen kann, vor der es nach den ersten, unangenehmen Erfahrungen eindeutig Angst hat (und ich höre solche Geschichten allerorten). Mir kann niemand erzählen, dass so etwas keine Spuren hinterlässt – zumal es ja nicht bei einem Mal bleibt, sondern ein sich wiederholender Vorgang ist.

Kann sein, dass Impfen falsch ist. Kann sein, dass Impfen wichtig ist. Ich weiß auch noch nicht, wie wir letztgültig in dieser Sache entscheiden werden. Aber das Festhalten mit Gewalt und Impfen trotz Protest macht mir sehr, sehr große Kopfschmerzen.

Ja, ich weiß: Eine Freundin von mir hat ein schwer krankes Kind, die kommen um Blutabnahmen etc. nicht herum. Ich weiß auch, dass Kinder in sowas „reinwachsen“. Aber für mich fehlt in der Debatte einfach dieser Punkt, die Frage, was es mit den Babys macht, dass wir ihnen wehtun. Und natürlich die Frage: Lohnt sich das? Oder kann man das später auch machen, wenn man das besprechen, verhandeln, anders als mit reiner Gewalt machen kann? Eine andere Freundin hat mit einem ausgeklügelten System lokaler Betäubung ihrem Sohn die Impfungen quasi schmerzfrei ermöglicht. Das fand ich mal einen babyfreundlichen Ansatz, einfach weil sich hier ein Mensch Gedanken darüber gemacht hat, dass es auch für ein Baby eine unangenehme, schmerzhafte (UPDATE: mit dem Wort Trauma bin ich heute, 12 Jahre später, etwas vorsichtiger) Erfahrung sein kann.

UPDATE: Nochmal für alle: In diesem Artikel geht es darum, wie wir Impfungen für die Kinder angst- und möglichst schmerzfrei ermöglichen können und dass ich mir wünsche, da mehr drauf zu schauen. 

6 Gedanken zu „Impfen oder nicht – vollkommen unmedizinische Gedanken

  1. Ich denke schon, dass sich manche Leute – auch Ärzte – dazu Gedanken machen. Ich habe schon gehört, man solle dabei stillen, weil das die Schmerzen lindert. Bei uns hat der Kinderarzt meist gesagt, wir sollen ihn einfach kuschlig auf dem Arm behalten. Das war kein festhalten, er war immer bei mir und hat irgendwas angeschaut oder sich an mich gekuschelt, und geweint hat er nur ein einziges mal von bisher vier Impfterminen. Die anderen Male hat es ihn entweder nicht gestört oder es war schneller vorbei als er es gemerkt hat. Beim nächsten Mal hatte er übrigens trotzdem keine Angst und musste nicht gehalten werden. Schlimm war in diese Richtung nur einmal das Infusionlegen in der Klinik, später, aber da ging es leider nicht mehr anders….

  2. Unsere Kinderärztin macht ’nen Gummibärchentrick beim Impfen. Meine Kleine sitzt dann bei mir auf’m Schoß und jemand anderes hält ihr ein Gummibärchen hin und lässt sie dann zu beißen, wenn die Ärztin piekt. Klar merkt sie es und jammert, aber sie ist nach ein paar Trostgummibärchen mehr wieder lachend aus dem Sprechzimmer heraus. Diese Variante ist für mich halbwegs vetretbar.

    Aber leider sieht der Alltag in Kinderkliniken oft anders aus… 🙁

  3. Guter Text und einfach mal aus dem Leben denn auch Babys sind Menschen mit Gefühlen und Ängsten!!!!!

    Zur Betäubung kann ich noch was sagen. Wir haben den Kindern bei den OP´s ( Mein Chef war HNO-Arzt und ich hab assistiert) immer ein „Zauberpflaster“ gegeben bevor der Zugang für die Narkose gelegt worden ist. Das Zeug hieß Emla und die Kinder haben damit feutlich weniger, meißt sogar garnicht geweint.

    LG
    Inka

  4. Ich kann mich noch gut an die Arztbesuche in meiner Kindheit erinnern. Der Pieks war wirklich nicht schön, aber mein Bruder und ich haben es verkraftet. Anschließend durften wir uns jeder eine Zeitschrift aussuchen, was für uns wirklich etwas Besonderes war. Die Zeitschriften sind mir mehr im Gedächtnis geblieben als der Schmerz. Mein Bruder und ich haben ein tiefes und inniges Verhältnis zu meinen Eltern und heute bin ich froh, dass ich damals geimpft worden bin. Inzwischen habe ich selbst ein kleines Töchterchen und werde sie impfen lassen. Wenn sie alt genug ist kann ich ihr erklären, warum ich sie pieksen lassen musste. Wenn sie eine schlimme Krankheit bekommt, die durch eine einfache Impfung hätte verhindert werden könnte und womöglich beim Kinderarzt einen Säugling angesteckt, der noch nicht geschützt werden kann, dann finde ich das schon sehr viel schwieriger zu erklären. Ich denke wenn die Kinder wie in diesem schönen Blog beschrieben aufwachsen, dann werden sie den Schmerz einer Impfung genauso gut verkraften, wie ein aufgeschlagenes Knie beim spielen.

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