Interview mit Schlafexperte James McKenna

Warum sind Mütter immer müde, obwohl Babies doch 12-16 Stunden schlafen? Warum schlafen auf der ganzen Welt Eltern mit ihren Kindern in einem Bett oder in einem Raum, aber in den westlichen Industrienationen gilt es als gefährlich? Wann ist es gefährlich? Warum ist so wenig bekannt, dass das SIDS-Risiko sich verdoppelt, wenn ein Baby alleine in einem Raum schläft?

Diese und andere Fragen hat James McKenna beantwortet – er ist Direktor des Mutter-Kind-Schlaflabors an der Universität Notre Dame und forscht seit über zehn Jahren über Schlafarrangements für Mütter und Babies.

Wir sind an die Uni von Notre Dame gefahren und ich habe mich bis zur Flanner-Hall durchgefragt. James McKenna residiert in einem kleinen, vollgestopften Büro mit einem Plakat an der Tür: „Breastfeeding in Public is not a crime“
Öffentliches Stillen ist kein Verbrechen!

McKennas Argumentation ist folgende: Babies werden neurologisch völlig unreif geboren. Sie brauchen die ständige Nähe eines Betreuers, um überleben zu können. Es ist daher notwendig und biologisch gesehen auch sinnvoll, dass sie auch nachts in nahem Kontakt, am besten Körperkontakt zu ihrer Mutter schlafen.

James McKenna Flanner Hall

Die Vorteile: Das Kind stirbt nicht so leicht an den – normalen – Atemstillständen in der Nacht, es wird länger und häufiger gestillt, was wiederum das SIDS-Risiko senkt, die Mutter bekommt mehr Schlaf.

McKenna sagt übrigens nicht, dass das Familienbett das SIDS-Risiko auf Null senkt – auch wenn sich manche das wünschen. Aber er legt überzeugend dar, dass gemeinsam schlafen das sicherste und natürlichste ist. Wie beim Autofahren, gibt es ein paar Dinge zu beachten:

– Schlafen Sie mit ihrem Baby im gleichen Bett NUR, wenn Sie Nichtraucher sind!
– Schwere Decken, große Kissen – raus aus dem Bett!
Ideal: Beide Eltern wollen mit dem Baby in einem Bett schlafen, sind sich dessen bewußt und das Kind wird gestillt
– Rücken Sie das Bett von der Wand weg und entfernen Sie lockere Bettrahmen, damit das Baby nicht zwischen Matratze und Rahmen rutscht (das klingt unglaublich, aber ich hab Bilder gesehen – es passiert)
Ideal: Matratze auf den Boden legen. So kann das Kind nicht herausfallen und kein Rahmen wird zur Gefahr
– schlafen Sie NIEMALS auf dem Sofa mit ihrem Baby

Klingt total kompliziert? Als wäre ein Baby im Bett doch eine Gefahr? Halten wir mal dagegen: Autofahren

– Fahren Sie nur in einem TÜV-geprüften Wagen!
– Benutzen Sie einen Kindersitz der aktuellen EC-Norm!
– Schnallen Sie den Kindersitz richtig fest!
– Schnallen Sie das Kind richtig an, damit es sich nicht befreit während der Fahrt.
– Schalten Sie den Beifahrer Airbag aus, wenn der Kindersitz vorne ist!
– Stellen Sie sicher, dass der Reifendruck stimmt, das ABS funktioniert, der Sprit aufgefüllt ist und Sie genug Öl haben!
etc.

Mütter, die mit ihren Babies schlafen, sind genauso ausgeschlafen oder meist sogar ausgeschlafener als getrennt schlafende Mütter, vor allem, weil sie nachts nicht aufstehen müssen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass das nachts als normal geltende, schreiende Baby ganz und gar nicht normal ist. Unser kleiner Co-Sleeper schreit nachts nie. Er wedelt ein wenig mit den Armen, kriegt im Halbschlaf seine Milch und alle schlafen weiter. Auch Väter profitieren: Morgens neben einem lächelnden Baby aufzuwachen ist unbeschreiblich und vertieft die Bindung zwischen Vater und Kind. Besonders arbeitende Eltern können so die „fehlende“ Zeit am Tag ein wenig ausgleichen.

Nachts lernen die Babies von ihren Eltern, wie man schläft. Denn kein Erwachsener schläft „durch“, wie es immer von Babies heißt, wir wachen alle nachts mehr oder weniger oft mehr oder weniger stark auf. Und die Kleinen lernen von uns, wie man wieder in den Schlaf findet – und wie man weiteratmet (weil sie unseren Atem hören).

McKenna betont dabei, dass „Co-Sleeping“ oder „Familienbett“ nicht ein einziges Konzept ist. Jede Familie entscheidet selbst, wo und wie das sie schlafen will. Manche haben eine Wiege im Elternschlafzimmer, manche einen Babybalkon, manche das Kind mit im Bett. Manche wechseln auch: Einschlafen in der Wiege, beim ersten Stillen ins Bett, morgens wieder eine Weile in die Wiege. Alles das ist völlig in Ordnung. Nur alleine schlafen in einem Zimmer – davon rät er nach seine Laboruntersuchungen und Forschungen dringend ab. Es ist gefährlich für die Kinder.

Der Mythos, gemeinsames Schlafen schade den Kindern, ist wissenschaftlich vollkommen unbelegt. Es gibt hingegen Studien, die die Vorteile belegen (meine Lieblingsstudie bei Wiley), mehr Artikel zum Thema auf McKennas Website, bei den Rabeneltern, auf Familienbett.de und bei Naturalchild.org.

Ich wünsche allen eine gute, ruhige, kuschelige Nacht!

Ein Gedanke zu „Interview mit Schlafexperte James McKenna

  1. Ehrlich gesagt, das Thema Baby allein in einem anderen Zimmer finde ich so traurig. Ich stell mir dann immer diese kleinen Geschäpfe vor, wie sie – unfähig, sich zu bewegen, unfähig, zu verstehen, dass sie nur vorübergehend alleine im Bett liegen – sich da Stunden um Stunden im Bett wälzen, mal schlafen, dann wieder aufwachen, mal meckern und strampeln – ewig allein, ohne menschliche Wärme, Atmen, Berührung.
    Langsam trocknet ihr Mund aus, der Bauch fühlt sich komisch an, vielleicht müssen sie mal husten oder aufstossen – aber es gibt keine Abhilfe, nichts und niemand bewegt sie, erst wenn die Schmerzen und die Angst so gross sind, dass sie schreien, dann nach langer, langer Zeit kommt jemand und es wird besser.
    Ich weiss nicht, ob Eltern wirklich alles automatisch oder intuitiv richtig machen, wie Du schreibst, Nicola. In unserer Gesellschaft gibt es zuwenig Empathie für Babies, Alte, Behinderte, Andere und daran sollten wir versuchen, etwas zu ändern, dann würden Eltern auch sicher mehr auf die Bedürfnisse ihres Kindes eingehen.
    Bis dahin brauchen Eltern kluge Ratgeber, leider.

    Grüsse!

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